Seitdem sein Onkel, Kīngi Amiri Nikau, der Māori-King, Tayn an seinem ersten Geburtstag als seinen Nachfolger bezeichnet hatte, stand sein Leben im Zeichen der Pflichten seinem Clan gegenüber. Doch als seine langjährige Freundin einen anderen heiratet, stellt er sein Schicksal infrage. Der Einzige, mit dem er reden könnte, ist sein weitaus älterer Bruder Maaka, der vor vielen Jahren auf sein Erbrecht verzichtet hatte. Tayn beschließt, zur Stardust Station auf der Südinsel zu reisen, die er nur aus Erzählungen kannte …
Eden liebte ihre Brüder, doch sie hatten kein Recht, ihr vorzuschreiben, wen sie daten oder gar heiraten sollte. Weshalb sie sich klammheimlich aus dem Staub machte und unter falschem Namen auf der Stardust Station einen Job annahm. Bei den Weddings, mit denen ihre Brüder ums Verrecken kein Wort wechseln würden. Alles lief wie geschmiert, bis sie eines Nachts einem Māori begegnete, der ihr buchstäblich den Atem raubte …
Sich fallen lassen, eintauchen, träumen, genießen, lachen und lieben. Lisa Torberg entführt Sie in diesem Roman von der Nordinsel über den Cook Strait bis zur Stardust Station auf der Südinsel Neuseelands. Die Bücher der Reihe „Verliebt in Neuseeland“ sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden.
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Leseprobe
Devonport – Auckland,
North Island, Neuseeland
Der Empfang der Royal New Zealand Navy, an dem er alljährlich stellvertretend für Kīngi Amiri Nikau, den Māori-King, teilnahm, hatte zwei positive Aspekte. Dank des für den Ablauf zuständigen Offiziers der Seestreitmacht war seine Dauer mit militärischer Präzision auf neunzig Minuten beschränkt – und er fand in der Militärbasis in Devonport statt. Was bedeutete, dass Tayn Mahuta zwar über die breite Bucht hinweg direkten Blick auf Aucklands Skyline hatte, die hinter dem umsatzstärksten und größten Hafen Neuseelands aufragte, sich jedoch nicht durch den unerträglichen Verkehr der City der Millionenmetropole quälen musste.
Nachdem er sich vom Konteradmiral mit einem Handschlag und von den beiderseits von ihm Spalier stehenden Offizieren mit einem Nicken verabschiedet hatte, verließ er das historische Gebäude und lockerte die Krawatte. Sobald er am Fuß der kurzen Treppe anlangte, rollte er sie bereits über eine Hand, öffnete die Anzugjacke und unmittelbar darauf die beiden obersten Knöpfe seines Hemds.
Es war ein regenfreier Tag Anfang Juni, vermutlich einer der letzten des zu Ende gehenden Herbstes, an denen man um acht Uhr abends ein paar hundert Meter laufen konnte, ohne zu frösteln. Wie gewohnt hatte er seinen Wagen auf dem öffentlichen Parkplatz abgestellt, anstatt die mit der Einladung zugestellte Parkmöglichkeit innerhalb des Marinestützpunktes zu nutzen. Es war weitaus angenehmer, ein Ticket zu ziehen und ein paar Dollar in den Automaten zu werfen, als von Soldaten der Basis auf Herz und Nieren gecheckt zu werden. Deshalb überzog der Anflug eines Lächelns sein Gesicht, sobald er sein Auto erreichte und einstieg. Kurz dachte er daran, Nyrah eine Nachricht zu schicken, und verwarf sie wieder. Sie hatte auch heute einen Schüler, dem sie zusätzlich zum normalen Unterricht Privatstunden gab. Das kam in letzter Zeit häufiger vor, nachmittags oder am frühen Abend. Er wollte sie nicht stören, und da sie beide nicht diese Art von Beziehung hatten und es sie sicher nicht interessierte, welches Fingerfood bei dem Empfang serviert worden war, ließ er das Handy, wo es war, und startete den Wagen. Der Motor des BMW röhrte nicht auf, er schnurrte leise. Eineinhalb Stunden Fahrt lagen vor ihm, bis er in Hamilton sein würde und den Anzug loswerden konnte. Nach einem raschen Blick auf die Uhrzeit auf dem digitalen Instrumentendisplay verließ er den Parkplatz des kleinen Fährhafens, von dem man in nur fünfzehn Minuten Überfahrt in der City war, und bog kurz darauf in die Victoria Street ein. Um zehn Uhr würde er sich bereits nach einer Dusche einen Drink gönnen, bevor er zu Bett ging. Früh genug, damit er morgen um sieben Uhr in der royalen Residenz in Ngāruawāhia war, um mit seiner Mutter und seinem Onkel zu frühstücken.
Tayn war kein geborener Planer. Hätte ihn jemals irgendwer nach seinem Berufswunsch gefragt, wie all die anderen Kinder, hätte er Ruderer oder Sternenforscher geantwortet. Und Musiker, nachdem sein Onkel ihm auf sein Drängen hin eine Gitarre geschenkt hatte. Vermutlich alle drei. Aber seine Zukunft stand bereits fest, bevor er sicher auf seinen damals fleischigen Beinchen stehen konnte, und so hatte er gelernt, dass Planung das Leben vereinfachte und jeden Zweifel an der Richtigkeit dessen, was er tat, im Keim erstickte.
Es war also höchst irritierend, dass er unmittelbar, nachdem er an der Bibliothek vorbeigefahren war, abrupt abbremste, anstatt zu beschleunigen. Der Fahrer des Wagens hinter ihm hupte zu Recht. Tayn hob entschuldigend die Hand, doch ob er das bemerkte, bevor er ausscherte und an ihm vorbeibrauste, war fraglich. Die Sonne war bereits vor Beginn des Empfangs untergegangen und der Himmel blaugrau. Jetzt war es bis auf die gelbliche Straßenbeleuchtung absolut dunkel. Weshalb der helle Schein aus der Kunstgalerie auf der anderen Straßenseite seinen Blick magnetisch angezogen hatte. Das Haus lag zurückversetzt an der Ecke der Seitenstraße, die den kleinen Park der Bibliothek begrenzte. Die ausladenden Bäume auf der einen Seite standen in krassem Gegensatz zu den akkurat gestutzten Rasenflächen auf der gegenüberliegenden. Tayn kannte die Skulptur neben dem Gehweg, die oben ein Waka taua darstellte, eines der Ruderboote, die seine Vorfahren nach Neuseeland gebracht hatten, unter sich das tiefe Meer. Die in den nahezu weißen Stein gehauenen wellenförmigen Linien, die das Waka zu tragen schienen, versinnbildlichten die Kraft und den Stolz, die sein Volk auszeichneten. Der Künstler hatte es geschafft, aus einem Steinblock ein Meisterwerk zu erschaffen.
Doch heute zog nicht die Skulptur seinen Blick auf sich, sondern ein von oben bestrahltes Bild in dem nahezu leeren Raum der Galerie links vom Eingang, wohingegen der rechte und weit größere Teil voller Menschen war. Die ungerahmte Leinwand hatte ein höchst ungewöhnliches quadratisches Format und stand auf einer überdimensionierten Staffelei, die ihren Maßen gerecht wurde. Es war eine Explosion aus Farben und Licht, jedoch keine abstrakte Komposition, sondern ein Fenster auf eine Landschaft, die ihm unbekannt war. Zumindest schien es von hier aus so. Tayn konnte den Blick nicht abwenden, doch er war gezwungen. Die Straße war zwar ziemlich breit und der Verkehr um diese Uhrzeit gering, allerdings nicht gleich null, weshalb weitere Verkehrsteilnehmer ihn durch die Heckscheibe anblinkten oder hupten, bevor sie ihm auswichen. Erneut entschuldigend die Hand zu heben, wäre ein sinnfreies Unterfangen. Daher wartete er nach einem kontrollierenden Blick in den Rückspiegel, bis er ein paar Meter zurückfahren und in einen freien Schrägparkplatz fahren konnte.
Ein einziger drängender Gedanke beherrschte ihn: Er musste dieses Bild aus der Nähe sehen.
Die Tatsache, dass die Kunstgalerie um diese Uhrzeit hell beleuchtet und voller Menschen war, deutete auf eine Vernissage hin. Zu der er nicht eingeladen war. Er hatte vor einigen Jahren ein Bild für seine Mutter hier gekauft. Doch da sie dabei war, konnte er davon ausgehen, dass der Galerist sich an sie, jedoch sicher nicht an ihn erinnern würde. Andererseits war er soeben auf einem Empfang gewesen, trug einen eleganten Anzug und passende Schuhe. Er stieg aus, schloss den Wagen ab, zog die zusammengerollte Krawatte aus der Anzugtasche, überquerte die Straße und legte sie zugleich um, rückte den Hemdkragen zurecht. Er band sie, während er über die behindertengerechte lange Rampe zum Eingang der Galerie ging, und zog den Knoten fest, bevor er die gläserne Tür aufdrückte – und von einem Türsteher ausgebremst wurde.
»Ihre Einladung bitte.«
Tayn zuckte mit den Achseln. »Ich …«
»Guten Abend. Welch große Ehre, Sie …«
Mit einer Handbewegung unterbrach Tayn den Mann, der mit ausgreifenden Schritten auf ihn zukam. »Ich habe beim Vorbeifahren das großformatige Bild im anderen Raum gesehen.« Er deutete mit einer vagen Geste nach links.
Ein Nicken war die Antwort. Tayn erkannte am Zucken der Mundwinkel und dem Funkeln in seinem Blick die freudige Aufregung des Mannes, weil er hier vor ihm stand. Doch als er sprach, hatte er sich unter Kontrolle. »Sehen Sie es sich in Ruhe an. Es ist wie alle, die ausgestellt sind, von der Künstlerin, die wir heute erstmals in Auckland vorstellen. Vielleicht wollen Sie …« Er unterbrach sich auf Tayns Kopfschütteln hin sofort. Dann neigte er den Kopf. »Ich kümmere mich wieder um die anderen Gäste und die Presse. Falls Sie mich brauchen, bin ich für Sie da.«
Tayn sah ihm hinterher. Zugleich spürte er den interessierten Blick des Türstehers auf sich. Er trat so weit vor, dass der Mann nur noch seinen Hinterkopf sehen konnte, und sah zu der großen Gruppe von Menschen, die sich um eine Frau scharten. Sie trug einen auffälligen Patchworkrock in Rottönen, darunter Cowboystiefel und eine rotbraune kurze Jacke. Die Farbe setzte sich in ihren Haaren fort. Die Locken bedeckten ihren Rücken bis unterhalb der Schulterblätter. Obwohl er sie nur von hinten sehen konnte, war er sicher, dass ihr Gesicht ebenso extravagant war wie ihr Kleidungsstil. Das Blitzen einer Kamera unterbrach schlagartig seine Überlegungen. Presse hatte er heute schon.
Er entfernte sich rückwärtsgehend, bevor er sich abwandte und dem Bild näherte, aufgrund dessen seine Pläne für den restlichen Abend gescheitert waren. Mit dem Rücken zu der bodentiefen Fensterfront nahm er endlich aus der Nähe jedes Detail wahr. Vom unteren Rand zogen sich Weinreben einen Hügel aufwärts. Die Trauben waren rot und violett, die Blätter changierten in Grüntönen. Hie und da blitzten Äste hervor, deren braune Farbe sich in der Erde fortsetzte. Am Ende der endlosen Reihen der Weinstöcke hob sich ein Haus aus Steinen mit einem dunkelroten Giebeldach gegen den azurblauen Himmel ab, und in weiter Ferne war in blassen Grautönen ein Berg mit einem hoch aufragenden schneebedeckten Gipfel zu sehen. Das war … unglaublich schön. Warm. Es fühlte sich an wie ein Ort, an dem er gerne wäre. Er wollte dieses Bild. Um jeden Preis.
Tayn ging außen darum herum – und versteinerte. Wenige Meter vor ihm, bisher von der Staffelei verborgen, stand eine junge Frau. Ihr Profil war atemberaubend … perfekt. Ein schwarzes Kleid umhüllte ihren Körper. Züchtig. Der Rock endete an den Kniekehlen. Der kurze Spalt, der wohl der Beinfreiheit beim Gehen diente, wirkte wie ein Regelverstoß. Hautfarbene Strümpfe bedeckten ihre Beine, die schlanken Fesseln. Ihre Füße waren von schlichten Pumps mit einem halbhohen Absatz umschlossen. Auch die waren schwarz. Seidig glänzende Locken fielen in einem Lichterspiel aus Gold und dem rötlichen Braun von Haselnüssen über ihre Schultern. Ihr Blick war starr auf ein ebenfalls quadratisches, jedoch weit kleineres Bild gerichtet, das an der Wand hing. Es zeigte denselben Berg wie das andere, doch in diesem war er der Protagonist. Majestätisch ragte er über einem See auf, der sich lang und schmal zwischen bewaldeten Hügeln verlor, und im Vordergrund, winzig, waren am dort flachen Ufer Häuser zu sehen. Ein Ort, der verschwommen wirkte, als ob Nebel ihn verdecken würde. Dieses Bild berührte Tayn ebenfalls, doch nicht auf dieselbe Art wie das große. Es traf ihn in seinem Herzen. Er kannte den Namen des Berges, wusste, dass er real war, wo er sich befand. Dort, wo er noch nie gewesen war, wo sein Bruder lebte.
Tayn bewegte sich vorsichtig, trat näher. Sein Blick wurde von einem Glitzern auf der Wange der Frau angezogen, von der er nun kaum zwei Schritte entfernt war. Sie weint, dachte er. Ihre Schultern waren starr. Sie seufzte tief. Er ertappte sich dabei, dass er seine Arme heben und ihre Verspannung wegmassieren, die Tränen von ihren Wangen wischen wollte.
Vermutlich bewegte er sich tatsächlich. Doch noch bevor er etwas Unüberlegtes tun konnte, trat sie zwei Schritte zurück – und mit dem Absatz auf seinen Fuß. Sie stieß einen erschrockenen Laut aus, hob ihr Bein an, wankte. Er umfasste ihre Oberarme, hielt sie fest. Sie riss ihren Kopf zur Seite. »Es tut mir …«
Noch bevor sie ihren Satz beenden konnte, blitzte grelles Licht auf. Tayn erkannte verschwommen einen Mann mit einer Kamera vor dem Gesicht, als der Flash ihn erneut blendete. Er ließ die Frau los, hob abwehrend die Hand. Der Türsteher stürzte in den Raum, unmittelbar gefolgt vom Eigentümer der Galerie.
Der Erste griff nach der Kamera des Fotografen, der Zweite kam auf ihn zu, die Hände entschuldigend erhoben. Doch noch bevor er etwas sagen konnte, beugte sich Tayn zu ihm und sprach mit gesenkter Stimme. »Ich kaufe die Bilder. Das auf der Staffelei und das mit dem Mount Aspiring. Geben Sie mir Ihre Karte, ich schicke Ihnen eine Nachricht.«
Der Mann griff in seine Anzugjacke und Tayn nahm ihm das Kärtchen aus der Hand, bevor er es hochhalten konnte, drehte sich auf dem Absatz um und verließ die Galerie. Er eilte zu seinem Auto, sank auf den Fahrersitz, schickte eine kurze Nachricht an die Nummer, die er von der Geschäftskarte abtippte, und startete den Motor. Erst dann wandte er den Kopf nach rechts und wagte einen Blick zur Kunstgalerie. Er sah die Menschen hinter der Fensterfront in den hell erleuchteten Räumen, machte die rot gekleidete Künstlerin aus, deren Namen er nicht kannte, obwohl er zwei Bilder von ihr gekauft hatte.
Doch die Frau, die plötzlich verschwunden war, als der Fotograf seine Kamera auf ihn richtete, sah er nicht. Er war ihr so nahe gewesen … und konnte sich auch Stunden später nicht erinnern, welche Farbe ihre Kleidung hatte. Was sie trug.
Das Einzige, was ihm in Erinnerung blieb, waren ihre haselnussbraunen Haare mit den goldenen Reflexen und ihre tiefe Traurigkeit.
[…]
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