In New York lässt sie sich auf eine Nacht mit einem Unbekannten in absoluter Dunkelheit ein. Ein unbeschreibliches Erlebnis, das sich nicht wiederholen wird – und sie nicht vergessen kann.
Clarissa Corsini arbeitet als Kunstexpertin bei Christie’s in London, ihre Karriere ist alles für sie. Niemand weiß, dass sie die Tochter eines Mafiabosses aus Sizilien ist und vor acht Jahren die Cosa Nostra hinter sich gelassen hat. Doch die dunkle Vergangenheit holt sie ein, als ihr Vater, Don Bartolo, stirbt. Sie muss zurück nach Italien an die Seite ihrer Schwestern. Doch die jüngste ist spurlos verschwunden und die Ereignisse in Palermo überschlagen sich. Sie reagiert kopflos und verbringt eine leidenschaftliche Nacht mit Alessandro, der all das ist, was sie ablehnt: der Handlanger eines Mafiabosses.
Einkaufen: Kindle | Taschenbuch
Kennenlernen: Monica Bellini
Leseprobe
CLARISSA
Frierend reibe ich mir die Hände und schlinge die Arme eng um meinen Körper. Nicht einmal der Kittel, den ich über Bluse und Hose trage, ändert etwas daran: Ich werde mich nie an diese Temperatur gewöhnen. Noch weniger jedoch an diesen sterilen Geruch. Es ist, als ob man den Kellergewölben, in denen die Kunstwerke nach der Anlieferung untersucht werden, mit der automatisierten Feuchtigkeitskontrolle ihre Identität gestohlen hätte. Mit raschen Schritten durchquere ich den Raum. Das Gemälde ist in den frühen Morgenstunden eingetroffen. Zu einer Uhrzeit, die von der Geschäftsleitung und der für den Transport wertvoller Kunstgegenstände spezialisierten Firma festgelegt wird und die niemand sonst kennt. Geheimhaltung ist das oberste Gebot bei Christie’s. Ein kleines Licht wie ich wird nicht eingeweiht, wann und auf welchem Weg – und vor allem was – angeliefert wird. Mich stellt man vor vollendete Tatsachen – aber genau das macht den zusätzlichen Reiz meines Jobs aus. Die Überraschung. So weiß ich erst seit wenigen Minuten, welches Werk ich heute auf seinen Zustand und die Echtheit überprüfen soll. Das erwartungsvolle Kribbeln nimmt zu, je näher ich der Staffelei komme. Und dann stehe ich davor. Langsam ziehe ich die luftgepolsterte Schutzhülle weg, die man nach dem Entfernen der Transportverpackung gelassen hat. Ein erregter Schauer rieselt durch meinen Körper, sobald Stück für Stück das darunter Verborgene erscheint. Nicht nur, dass ich den Monet aus der Nähe sehen darf, ich werde Stunden mit ihm verbringen und ihm so nahe sein wie kaum jemand anderer.
Längst habe ich die Kälte um mich herum vergessen. Zwar besteht die Serie der Les Nymphéas, Claude Monets berühmter Seerosenbilder, aus etwa zweihundertfünfzig Gemälden, aber jedes einzelne ist ein wahres Wunderwerk. Mit dem feinen Pinsel streiche ich über eine Seerose am rechten Rand. Zum Rahmen hin wellt sich die Leinwand ein wenig, und die Farbe der Blüte ist an dieser Stelle gerissen wie der spinnenförmige Riss eines gebrochenen Spiegels. Ich nehme die Lupe zur Hand und beuge mich vor.
»Clarissa!«
Erschrocken zucke ich zusammen und rudere mit den Armen, um nicht kopfüber in das Gemälde zu stürzen. Zum Glück trage ich hier unten immer flache Schuhe, sonst … Ich will mir das Worst-Case-Szenario gar nicht vorstellen! »Bist du verrückt?«, zische ich stattdessen lautstark. Ich muss mich nicht umdrehen, um zu wissen, wer hinter mir steht.
»Entschuldige«, murmelt Brittany zerknirscht. Ihre Finger krallen sich fest um meine Oberarme.
Ich schüttele sie ab, mache einen Schritt zur Seite und wende mich ihr zu.
»Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du dich hier nicht wie ein Elefant im Porzellanladen benehmen sollst?«
»Hundertmal.« Sie schnieft. »Aber ich habe dich festgehalten.« Die Tränen in ihren Kulleraugen sind echt, dabei ist sie mit achtundzwanzig wirklich schon zu alt dafür. Doch sie ist eine wahre Mimose, ein Tollpatsch und absolut ungeeignet für den Beruf der Restauratorin. Um sich einem Kunstwerk zu nähern, wenn man es aus unmittelbarer Nähe auf seinen Zustand untersuchen muss, braucht man eine ruhige Hand – und die setzt innere Gelassenheit voraus. Brittany ist eine Chaotin und ich weiß das seit dem Tag, an dem sie mir an der Uni über den Weg lief. Zuerst hat sie mir einen riesigen Becher mit diesem unsäglichen Getränk, das vom Geruch her entfernt an Kaffee erinnert, auf die Bluse geschüttet. Dann fand sie heraus, dass auch ich Kunst studierte, und presste voller Überschwang ihre knallrot geschminkten Lippen auf meine Wange. Das Zeug war kussecht. Wenige Stunden später stieß ich die Tür zu dem Zimmer im Wohnheim auf, das ich für die nächsten Jahre mit einem anderen Mädchen teilen würde – und sie fiel mir quietschend um den Hals. Ihre klebrigen Finger verfingen sich in meinem Haar. Das Schicksal hat uns damals zusammengewürfelt und ich bin ihm nicht undankbar. Es hätte weit schlimmer kommen können. Wahrscheinlich leben wir deshalb auch heute noch zusammen, wenn auch in einer geräumigen Wohnung. Sie ist meine Freundin und ich mag sie wirklich, aber ihre Anwesenheit hier unten ist gefährlich. Deshalb wurde sie von der Geschäftsleitung nach dem auf den Studienabschluss folgenden Praktikum der Katalogisierung zugeteilt.
»Was machst du überhaupt hier?«, frage ich streng. »Wenn dich Mr Robson …«
»Er schickt mich doch!« Sie hebt unwirsch die Hand. »Ich war bei ihm, um das Infomaterial der Neuzugänge zu besprechen. Die Verbindungstür zu deinem Zimmer stand wie immer offen und dein Handy hat minutenlang geklingelt, kurz unterbrochen, und dann ging es wieder von vorn los. Dein Chef war ziemlich genervt.«
»Es mit herunterzunehmen, wo kein Empfang ist, hat ja keinen Sinn, wie du weißt«, erwidere ich stirnrunzelnd. »Außerdem … die paar Leute, die meine Nummer haben, rufen doch nie während der Arbeitszeit an.« Ich habe ein mulmiges Gefühl.
»Eben, deshalb hat er mich ja zu dir geschickt.«
»Ich geh mal schnell kontrollieren«, murmele ich mehr zu mir selbst und laufe an Brittany vorbei zum Lift.
Genauso eilig haste ich den langen Gang hinunter und fische den Schlüssel aus der Tasche meines Kittels. Rasch betrete ich mein Büro. Ich werfe die Tür hinter mir zu, stürze zu meinem Schreibtisch und greife nach dem Handy.
Er ist tot. Komm heim – ich brauche dich jetzt.
♥
»Darf ich Ihnen etwas bringen, Miss?«
Die freundliche Stimme dringt zu mir durch. Blinzelnd schiebe ich die Brille auf meinem Nasenrücken hoch und schaue auf.
»Tè, caffè, coca, succo di frutta, acqua?«
Es ist Jahre her, dass mich jemand auf Italienisch ansprach. Warum es ausgerechnet diese Frau ist, wird mir erst klar, als ich das Logo auf dem kleinen Anstecker ihrer roten Uniformjacke erkenne. Ich sitze in einem Flugzeug der ITA Airways, das mich in meine Heimat bringt. Besser gesagt dorthin, wo ich geboren wurde und seit vielen Jahren nicht mehr war.
»Signora Corsini?«
Jetzt spricht sie mich sogar mit meinem Namen an. Ob sie den jedes einzelnen Passagiers kennt?
»Un caffé, per favore.« Ganz automatisch kommen mir die Worte in meiner Muttersprache über die Lippen. Lächelnd reicht sie mir kurz darauf den Espresso, den sie aus einer Thermoskanne einschenkt. Er hat nichts mit einem frischen zu tun – und ist doch so viel besser als jeder Kaffee, den ich in London jemals getrunken habe. Der italienische ist eben der beste der Welt – und er löst den Nebel in meinem Kopf auf.
[…]
Entdecke mehr von Buch-Sonar
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

