„Nur ein Song im Sternenlicht (Verliebt in Neuseeland 6)“ von Lisa Torberg


Samuel Wedding verbirgt ein Geheimnis vor seiner Familie. Die Bauarbeiten rundum zermürben ihn noch mehr. Zudem drängen seine Brüder zum Umbau des Scherschuppens in eine Eventlocation – und dem Auftritt seines Alter Ego, des geheimnisumwitterten Sängers Cross. Nachts malt er sich die möglichen Folgen auf sein Leben aus – sobald der Klang des Sternenstaubs den Baulärm ablöst. Der jedoch das alte Māori-Ehepaar nicht zu stören scheint, das nach einer Autopanne am Tor der Stardust Station klingelt.

Zu guter Letzt taucht plötzlich Brianna aus London auf, die Schafe absolut nicht mag und ein Näschen für alles hat, was Musik betrifft. Immerhin managt sie die Penguins, die heißesten Rockstars der Welt. Offiziell, um ihrer besten Freundin Alice nicht zur Last zu fallen, lehnt sie ein spartanisches Zimmer auf der Schaffarm ab. Sie will ein luxuriöses Hotelzimmer in Queenstown! Stattdessen landet sie auf einem Weingut zwischen einem winzigen See und endlosen Weinreben – bei einem ungehobelten Russen mit beeindruckenden Muskeln und eiskaltem Blick, der sein einsames Land als Wunder bezeichnet …

Sich fallen lassen, eintauchen, träumen, genießen, lachen und lieben. Lisa Torberg entführt in den Queenstown Lakes District auf der Südinsel Neuseelands. Dort, wo die hellsten Sterne des Himmels das Kreuz des Südens bilden und Träume so nah sind, dass man nur die Hand ausstrecken muss, um sie festzuhalten. Die Bücher der Reihe „Verliebt in Neuseeland“ können unabhängig voneinander gelesen werden.

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Leseprobe

Kerr Winery, Gibbston Valley,
Region Otago, South Island, Neuseeland

Alexey Kerr fuhr den schmalspurigen Traktor durch das offen stehende Tor der Halle an seinen Platz zwischen die anderen Weinbergschlepper und sprang zu Boden. Seine Wirbelsäule schmerzte vom langen Sitzen, seine Schultern waren verspannt und die Muskeln in seinen Beinen brannten wie Feuer. Das Schlimmste nach dem monotonen Fahren hügelauf und hügelab zwischen den Weinstöcken war jedoch der Geruch des Granulatdüngers, der sich in seinen Haaren und den Nasenschleimhäuten festgesetzt hatte. Zwar war es gerade erst kurz nach neun Uhr, die Dusche musste dennoch bis zum Abend warten. Was er jetzt brauchte, war ein Wasserhahn. Er wollte seine Nase mit Wasser fluten und seinen Kopf darunter halten. Alles andere konnte warten. Mit ausgreifenden Schritten ging er auf die Tür des Waschraums neben dem Umkleideraum der Landarbeiter zu.
»Mr. Kerr, haben Sie einen Moment für mich?«
Ihre Stimme zu hören, fühlte sich an wie eine Ohrfeige. Seit Wochen, wenn nicht Monaten, war ihm klar, dass sie es irgendwann schaffen würde, ihn zu stellen. Nur hatte er nicht damit gerechnet, dass sie Merekara, wo seine schottischen Vorfahren im neunzehnten Jahrhundert Fuß gefasst hatten, verlassen und ins Gibbston Valley fahren würde, um ihn in die Enge zu treiben. Vielmehr hatte er erwartet, dass er sie irgendwann auf den Stufen vor seinem Cottage sitzend vorfinden würde, spätabends, wenn er lautlos durch die Dunkelheit von der Garage zu seinem Haus schlich. Hier auf dem Weingut hatte er sich sicher gefühlt. Stattdessen spürte er ihren Blick an seinem Hinterkopf. Nicht genug, dass er jeden Muskel seines Körpers spürte, jetzt verspannte sich auch noch sein Nacken und seine Füße waren aus Blei, klebten am Boden fest. Er konnte keinen weiteren Schritt tun und der Grund dafür war die Frau hinter ihm. Jeden anderen Menschen würde er mit einer Geste auf später vertrösten und im Waschraum verschwinden. Ausnahmslos jeden, doch nicht sie. Sie war nicht irgendwer, sondern der wichtigste Mensch in seinem Leben, immer schon.
Seit Monaten lag er Nacht für Nacht stundenlang wach und starrte an die Decke, dachte an den größten Fehler seines Lebens, für den es keine Entschuldigung gab, und sehnte sich nach ihren Umarmungen. Er hatte nie aufgehört, sich danach zu sehnen und sie zu lieben, ebenso sehr wie die anerkennenden Schulterklopfer seines Vaters – und hatte beide verloren. Vor langer Zeit. Mit dem Tod seines Vaters hatte sich alles verändert. Seine Kehle schnürte sich zu.
Unendlich langsam drehte er sich um.
Sie trug einen wadenlangen Patchworkrock in Grüntönen über rostbraunen Cowboystiefeln und eine hüftlange moosgrüne Jacke aus gewalkter Schafwolle, die er noch nie gesehen hatte. Ihre weichen kastanienbraunen Locken, die vereinzelt von weißen Fäden durchsetzt waren, lagen auf einer Seite über ihrer Schulter, fielen über das Jackenrevers. Das war ungewohnt. Normalerweise steckte sie sie locker hoch, egal, ob sie bei ihren geliebten Ziegen oder in ihrem Atelier war, wo sie die Welt um sich vergaß und malte. Doch das, was ihn zutiefst traf, waren ihre Augen. In den grünen Iriden glühten goldene Funken, als sie seinen Blick einfing.
Ein Schauer löste sich in seinem Nacken, rann seine Wirbelsäule abwärts.
Alexey fühlte sich unwohl. Und durchschaut. So ähnlich wie damals, als er nach der Schule nicht in den Bus Richtung Lake Hayes und Arrowtown gestiegen und stattdessen mitten im Winter durch Queenstown zum Seeufer gelaufen war. Und das, obwohl er wusste, dass ihn seine Eltern wegen des Mathe-Tests, den er in den Sand gesetzt hatte, nicht einmal anschreien, geschweige denn eine Hand gegen ihn erheben würden. Sie wären enttäuscht gewesen – und das hätte ihm viel mehr wehgetan als das verdammte rote F für failed auf der ersten Seite des Tests, das für absolutes Versagen stand. Deshalb hatte er sich an jenem frühen Nachmittag im August an seinem Lieblingsort, dem Dock des historischen Kohledampfers am Steamer Wharf, auf eine Bank gesetzt und auf das Wasser des Lake Wakatipu gestarrt. Bei wenigen Graden über null und eisigem Wind hatten sich seine Tränen nur deshalb nicht in Eiskristalle verwandelt, weil das Blut durch seinen Körper pumpte. Dennoch waren seine Nase geschwollen, seine Haut schneeweiß und seine Lippen blau gewesen, als ihn seine Mutter gefunden hatte. Mit dem Patchworkrock hatte sie sich vor ihm in den Schnee gekniet, ihre Arme um ihn geschlungen, ihn mit aller Kraft fest an sich gezogen und ihm russische Worte zugeflüstert, die er natürlich nicht verstanden hatte. Doch das war unwichtig gewesen, denn er hatte sich geliebt und beschützt gefühlt. Ab jenem fernen Tag im August vor über zwanzig Jahren hatte er alles getan, um die unerschütterliche Liebe seiner Familie zu verdienen, und hatte sie aus tiefstem Herzen erwidert, bis er kläglich gescheitert war.
Alexey versenkte die schweißnassen Hände in den Hosentaschen und stellte seine Beine etwas breiter auseinander.
Ihr Gesicht war starr, kein Muskel regte sich. Sie blinzelte nicht einmal, sah ihn lediglich mit undeutbarem Blick an. Plötzlich schoss ihm ein Gedanke durch den Kopf. Sie hatte ihn Mr. Kerr genannt!
Die Erkenntnis traf ihn mit voller Wucht: Sie war zutiefst von ihm enttäuscht.
Er senkte den Kopf, schluckte gegen die Enge in seiner Kehle an – und hob das Kinn mit einem Ruck wieder an. »Warum nennst du mich Mr. Kerr?«
Zoya hob wenige Millimeter die Augenbrauen an. »Wie sollte ich dich denn sonst nennen? Mein Sohn Alexey hat sein Elternhaus seit Monaten nicht mehr betreten. Er schleicht frühmorgens und spätabends daran vorbei, verkriecht sich nachts in seinem Cottage und arbeitet tagsüber sieben Tage pro Woche bis zum Umfallen.« Sie machte einen Schritt auf ihn zu, blieb stehen. Ihre Mundwinkel zuckten, ihre Stimme wurde zu einem Flüstern. »Ich vermisse dich, Alexey.«
Er stürzte auf sie zu, schlang die Arme um sie und vergrub sein Gesicht an ihrer Schulter. Der Stoff der Jacke war unerwartet weich und roch nach feuchter Wolle. Doch der Geruch, der in seine Nase stieg und den des Granulatdüngers ersetzte, war der, den er seit seiner Geburt mit Wärme und Geborgenheit und Sicherheit in Verbindung brachte.
Alexey hob den Kopf gerade so weit, dass er sie ansehen konnte. »Es tut mir so leid.« Tränen verschleierten seinen Blick. »Ich schäme mich so sehr. Für alles.« Er erschrak über sich selbst, trat einen Schritt zurück und wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. In seiner Körperhaltung und seinem Blick lag all die Verzweiflung, die im Laufe der Monate immer weiter angewachsen war und der er ohnmächtig ausgeliefert war.
Zoya hob einen Arm, strich ihm über die stoppelige Wange, umfasste sein Kinn. »Patricia Wedding war gestern mit Arthur zum Abendessen im Wine and Cheese. Sie hat uns für den letzten Sonntag im Oktober auf die Stardust Station eingeladen.«
Alexey versteifte sich, Zoya umfasste sein Kinn noch fester.
»Uns alle, Alexey. Deine Brüder, mich und dich. Die gesamte Familie Kerr.«
»Ich kann das nicht!«, stieß er hervor, trat einen Schritt zurück, bereit, sich umzudrehen und in den Waschraum zu flüchten.
Seine Mutter erwischte ihn an der Schulter und drückte zu. Die Finger der anderen Hand schob sie in sein mittlerweile fast kinnlanges Haar, packte ein Büschel und ballte sie zu einer Faust. »Du kannst und du wirst. Keine Ausreden. Wir haben Frühling, nicht Herbst, die Trauben haben sich noch nicht einmal gebildet. Es gibt keine Arbeit in den Reben, die nicht an sechs Tagen der Woche erledigt werden kann, und wir haben genug Mitarbeiter, die sich um das Cellar Door kümmern. Die Weddings sind unglaublich liebenswerte Menschen, Alexey, niemand wird dir unangenehme Fragen stellen. Sie werden dich genau so akzeptieren wie Zayden, Zachary und mich. Vor allem jedoch wirst endlich auch du Tayn kennenlernen, der deine Schwester so sehr liebt, dass er sein früheres Leben auf der Nordinsel hinter sich gelassen hat und hiergeblieben ist.«
Hätte Alexey geahnt, wer dieser Mann war, von dem er bisher lediglich wusste, dass er ein Māori von der Nordinsel war, wäre er ins nächste Flugzeug gestiegen und ans andere Ende der Welt geflogen.

[…]


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