März 1945. Martin ist 17 Jahre alt. Er lebt mit seiner Mutter und seiner kleinen Schwester in Kolberg. Als die Rote Armee näher rückt und die Stadt kurz vor der vollständigen Blockade steht, kann Martin flüchten und nach Wochen erreicht er Güstrow. In den Nachkriegswirren lernt er Lotte kennen. Sie heiraten und bauen sich eine gemeinsame Zukunft in der DDR auf.
Als Lotte in dunkle Geschäfte verwickelt wird, planen sie ihre Flucht vor der Stasi. Doch das Schicksal schlägt erbarmungslos zu. Beim Grenzübertritt werden sie getrennt. Lotte entkommt mit ihrem Sohn in den Westen, Martin muss in der DDR bleiben. Er findet Arbeit in Rostock. Dort lernt er einen Fischer kennen und gemeinsam planen sie ihre Flucht über die Ostsee.
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Leseprobe
Wenn ich an Kolberg denke, dann sehe ich die Ostsee und den Strand. Mit meinem Vater baute ich Sandburgen, und wenn das Wetter es zuließ, tobten wir im Wasser und spritzten uns gegenseitig nass. Mein Vater arbeitete dann in einer Munitionsfabrik, auch am Wochenende, und für Strandspiele hatte er keine Zeit mehr. Seine Arbeit in dieser Fabrik bewahrte ihn vor der Einberufung, anfangs. Von einer vertraulichen Quelle in der Werksleitung erfuhr er dann, er müsste bald seinen Wehrdienst antreten, die Arbeit in der Munitionsfabrik würden Frauen übernehmen.
Meine Mutter arbeitete in einer Fabrik, wo sie Uniformen für die Wehrmacht herstellten. Anfangs brachte sie mich morgens zu einer Nachbarin, bei der ich mit anderen Kindern aus der Nachbarschaft den Tag verbrachte. Wenn das Wetter es zuließ, tobten wir im Garten herum, marschierten im Gleichschritt, Tücher wie Fahnen schwenkend, und sangen Lieder.
Ich kam dann in die Schule und kurz darauf in die Hitlerjugend. Ich lernte Strammstehen und im Gleichschritt marschieren und wir sangen völkische Lieder.
Kurz bevor mein Vater einberufen wurde, nahm er mich beiseite. »Martin, mein Sohn, ich muss dir etwas Wichtiges sagen. Du wirst es gesehen haben, Mutti hat einen runden Bauch. Sie bekommt ein Baby und ich werde nicht hier sein, wenn es auf die Welt kommt. Es wird nicht leicht für sie, wenn ich nicht hier bin. Wenn du siehst, dass sie traurig ist oder was mit dem Baby, dann nimm sie in die Arme, damit hilfst du ihr. Irgendwann komme ich wieder und dann ist alles wieder gut.«
Als mein Vater nicht mehr da war, saß meine Mutter abends neben dem Radio, ein Ohr an den Lautsprecher gepresst, und versuchte, Berichte von der Front zu hören. Kamen die schreierischen Parolen vom Reichspropagandaleiter Goebbels, schaltete sie ab und murmelte: »Ich kann es nicht mehr hören.«
Sie bekam Besuch von Frauen, deren Männer auch an der Front waren. Froh stimmten diese Besuche sie nicht und wenn wir wieder alleine waren, saß sie am Fenster, und ich sah in der Spiegelung, wie ihr Tränen übers Gesicht liefen.
Bald setzten die Wehen ein und ich rannte zur Nachbarin. Sie kam sofort mit zwei anderen Frauen. Sie legten Mutti auf den Küchentisch und das Baby wurde geboren. Es war ein Mädchen und meine Mutter sagte: »Sie hat so rote Bäckchen, wir nennen sie Rosa.«
Einige Wochen nach Rosas Geburt klopfte es mitten in der Nacht heftig an der Tür.
»Wer kann das sein?«, sagte Mutti angstvoll. Rosa war wach geworden und weinte.
Leise schlich ich zur Tür und lauschte. Heftiges Atmen hörte ich, Räuspern, und da wusste ich, wer es war, und öffnete die Tür. Mein Vater. Er riss mich an sich. Mutti stand neben ihrem Bett, Rosa auf dem Arm. Mein Vater hastete zu ihr, umarmte sie. Vorsichtig nahm er das Baby auf den Arm und Rosa sah ihn mit großen Augen an.
»Dass ich dich doch noch sehe. Wie heißt sie?«, fragte er leise und legte Mutti das Baby wieder in die Arme.
»Rosa«, flüsterte Mutti mit stockender Stimme.
»Meine Kameraden warten unten, ich muss runter.«
Vorsichtig legte er Rosa eine Hand auf den Kopf, dann drückte er Mutti. Er kam zur Tür, wo ich noch immer völlig verdattert stand, umarmte mich. »Martin, ich muss weiter. Ein glücklicher Zufall. Unsere Einheit musste durch Kolberg und ich habe meine Kameraden überreden können, eine andere Straße zu fahren, hier kurz zu halten und mir ein paar Minuten Zeit zu geben.« Er legte mir eine Hand auf die Schulter, drückte mich. »Pass auf Mutti und deine kleine Schwester auf, mein Sohn. Du bist jetzt der Mann in der Familie.«
Er hastete die Treppe runter und ich hörte den schweren Motor eines Lkws anspringen.
Ich ging weiter zur Schule, aber es hatte sich alles geändert. Der Lehrplan bestand aus Deutsch, Mathematik und anderen Fächern, aber das völkische Geschrei im Unterricht nahm immer mehr Zeit in Anspruch und wurde immer lauter und unverständlicher. Wollte man in allen Fächern gute Noten haben, musste man sich mit permanent hochgerissenem Arm am Unterricht beteiligen, und das fiel mir schwer.
Wie jeder Junge in meinem Alter machte ich eine Grundausbildung zur Vorbereitung für den Fronteinsatz. Am Strand der Ostsee lernten wir, Schützengräben zu buddeln und uns darin zu verstecken. Gewehrattrappen aus Holz drückten sie uns in die Hand. Damit robbten wir durch den Sand und das machte großen Spaß. Es erinnerte an die Ausflüge an den Strand mit meinen Eltern.
Zwei Monate später abends klopfte es an der Tür. Meine Mutter öffnete und ein Mann in Uniform gab ihr einen Brief. Sie öffnete ihn und der Mann legte ihr eine Hand auf die Schulter, flüsterte ihr was ins Ohr. Was von Endsieg sagte er, mehr verstand ich nicht. Der Mann ging zurück zum Fahrzeug des Wehramts. Meine Mutter hielt den Brief mit starrem Gesichtsausdruck in der Hand. Dann ging sie ins Schlafzimmer, schloss die Tür und ich hörte sie weinen. Nach einer Weile kam sie ins Wohnzimmer, nahm mich in den Arm und drückte mich.
»Wir müssen jetzt tapfer sein, Martin. Vati kommt nicht zurück, er ist an der Ostfront gefallen.«
[…]
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