Hazelwood. Eine Kleinstadt, wo jeder jeden kennt – und alles weiß. Small-Town-Charme pur.
Artie Bergeron würde sein Leben in Hazelwood gegen nichts tauschen. Hier hatten er und seine Kinder das Lachen wieder gelernt. Sein Sternerestaurant in Montreal fehlte ihm nicht. Er liebte die Restaurantküche in der alten Mühle – für die er einen weiteren Koch finden musste. Doch kein Bewerber wurde seinen Forderungen gerecht, woraufhin er sich auf Sue Fornier versteifte, die wie er bei Chef Armand gelernt hatte. Sie begann, kurz bevor er das Le Ciel Céleste verließ. Erkennen würde er sie nicht. Dementsprechend fällt seine Reaktion aus, als eine atemberaubende Frau in seine Küche kommt.
Sue Fornier hat immer nur in dem Sternerestaurant gekocht, das sie mittlerweile leitet. Sie liebt ihren Beruf – ihren Neffen jedoch noch mehr. Als das Mobbing durch seine Mitschüler so heftig wird, dass Cody sich weigert, das Haus zu verlassen, nimmt sie kurz entschlossen ein Angebot aus New Hampshire an und zieht mit ihm und ihrer Schwester nach Hazelwood. Dass der Chefkoch ihrer neuen Arbeitgeber ausgerechnet Artie Bergeron ist, beeinflusst ihre Entscheidung natürlich absolut nicht …
Ein in sich abgeschlossener Neuengland-Roman zum Lachen, Mitfiebern, Einkuscheln und Dahinschmelzen – bis zum Happy End.
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Kennenlernen: Lisa Torberg
Leseprobe
Sue
Mein Blick glitt über die glänzenden Arbeitsplatten aus Edelstahl, die wie jeden Tag auf die Brigade zu warten schienen. Vergeblich. Sie wussten nicht, dass eine Ära zu Ende war. Mit vor der Brust verschränkten Armen lehnte ich an der Wand unter der Uhr, deren Ticken bei jedem Vorrücken des Sekundenzeigers das einzige Geräusch in der absoluten Stille war.
Chef Armand hatte an meinem ersten Tag in dieser Küche den Zeigefinger ausgestreckt und darauf gezeigt. »Wenn dein Herz rast und deine Finger beben, weil du denkst, dass dein Gratin dauphinois zu salzig ist oder eine Spur zu viel Rotwein in deinem Pot-au-feu ist, konzentriere dich darauf, Sue. Auf das gleichmäßige Voranschreiten des schmalen Zeigers in Verbindung mit dem tickenden Laut und blende alle sonstigen Geräusche rundum aus. Dieser Sekundenzeiger wird dein bester Freund in der Küche des Le Ciel Céleste werden – sobald ich dich an einen Herd lasse. Und jetzt fang damit an, Kartoffeln zu schälen, und gewöhn dich dran. In den nächsten zwei Monaten wirst du nichts anderes tun.« Und das hatte ich. Nach den Kartoffeln waren die Karotten an der Reihe gewesen, dann Knollensellerie, Pastinaken und Rote Bete. In meiner dreizehnten Woche in der Küche des Le Ciel Céleste durfte ich zum ersten Mal allein eine Gemüsesuppe zubereiten – für das Personal. Damals war ich neunzehn. Zehn Jahre später, am Tag seines fünfundsiebzigsten Geburtstags, überreichte mir Chef Armand ein Set handgeschmiedeter japanischer Messer aus Damaststahl und übertrug mir mit einer Verbeugung die Verantwortung für sein Restaurant. Im darauffolgenden Herbst wurde dem Restaurant Le Ciel Céleste, nun unter der Leitung von Maître de Cuisine Sue Fornier, erneut der Michelin-Stern verliehen. Seither hatte ich ihn mit meinem Team gehalten – und nun war er weg.
Chef Armand hatte mir Jahre zuvor gesagt, dass sein Restaurant nur so lange bestehen würde, wie er oder seine Frau Annie am Leben waren. »Wir haben nur einen Neffen, Sue, du kennst ihn. Keiner von uns hat ein inniges Verhältnis zu ihm, doch er ist der Sohn von Annies Schwester und unser einziger Verwandter und somit unser Erbe. Er wird Le Ciel Céleste schließen, sobald der Letzte von uns beiden begraben wird.« Chef Armand starb mit achtzig im Schlaf. Annie verlor ihre Lebenslust und folgte ihm am Ende des zurückliegenden Sommers. Als sich die Trauergesellschaft von ihrem Grab abwandte, trat der Neffe mit ausdruckslosem Gesichtsausdruck auf mich zu. Der Strafverteidiger mit dem eiskalten Blick, der für seine Erfolgsquote und die Verbindungen zu gewissen Kreisen bekannt war, ließ mir nicht einmal die Zeit, ihm mein Beileid zum Tod seiner Tante auszusprechen. »Sie haben etwas mehr als drei Monate, Madame Fornier. Das Restaurant schließt zum Jahresende. Ich würde es vorziehen, wenn wir auf das Silvesterdinner verzichten könnten. Ginge es nach mir, könnten wir bereits vor Weihnachten schließen, doch meine Tante hat in ihrem Nachlass bestimmt, dass Sie die Entscheidung treffen. Ich erwarte Ihren Anruf innerhalb der nächsten drei Tage.« Er hatte mir seine Visitenkarte mit der privaten Nummer in die Hand gedrückt, sich abgewandt und war gegangen.
Heute war der letzte Tag des Jahres – und zum ersten Mal, seit ich mit neunzehn diese Küche betreten hatte, war ich ganz allein. Anstatt der Geruchsmischung von gebratenem Fleisch, würzigen Beilagen und des süßen Dufts der Desserts roch es nach Reinigungsmittel. Es fehlte der Klang der Töpfe und Teller aus der Spülküche und die teils brummigen, teils lachenden Stimmen der Brigade. Und es fehlte die Wärme. Nicht die der Herde und Öfen, sondern die menschliche. Es war unnatürlich still – bis auf das Ticken der Uhr über mir. Ich löste mich von der Wand, sah nach oben und streckte den Arm aus. Meine Fingerspitzen streiften den unteren Rand. Ich hob die Fersen vom Boden und stellte mich auf die Zehen, um sie von der Wand zu nehmen wie so oft zuvor. Nur tat ich es diesmal nicht, um die Batterien zu wechseln, sondern um sie zu entfernen.
Als das Ticken aufhörte, hatte ich Tränen in den Augen.
Fluchtartig verließ ich die Küche, lief wie blind zum Ausgang des Restaurants, schloss ab und warf den Schlüssel wie vereinbart in den Briefkasten, den der Anwalt vor einigen Wochen hatte anbringen lassen. Ohne einen weiteren Blick zurück wandte ich mich ab und entfernte mich, die Daunenjacke bis obenhin geschlossen und mit aufgestelltem Kragen, die Kapuze auf dem Kopf und die Hände in den Taschen vergraben. Mit rinnender Nase und verschwommenem Blick ging ich mit Riesenschritten von Vieux-Montréal, der Altstadt, bis nach Outremont. Sieben Kilometer in einer halben Stunde.
Mein Atem ging abgehackt, als unser Haus in Sicht kam. Weiße Wölkchen bildeten sich vor meinem Mund, lösten sich langsam in nichts auf, weitere nahmen ihren Platz ein. Das Leben war genau so: ein Abschnitt endete, der nächste begann. Ich dachte an Cody, meinen Neffen, der am letzten Schultag vor den Weihnachtsferien überglücklich gewesen war, weil er nie wieder in diese schreckliche Schule gehen musste. Stattdessen durfte er nach unserer Übersiedlung in einer anderen Grundschule in Amerika neu beginnen. In Hazelwood, einer winzig kleinen Stadt in New Hampshire, wo es einen See und einen Kanal und viele Häuser gab, die alle aus roten Backsteinen gebaut waren, wie er sagte. Ellen und er hatten sich am kanadischen Thanksgiving-Wochenende Mitte Oktober in den Ort verliebt und mich gedrängt, unbedingt das Angebot der Familie Sanborn, die dort ein Restaurant in einer alten Mühle betrieben, anzunehmen. »Die machen die weltbesten Burger, Tante Sue. Nicht einmal deine sind so gut!«
Ich würde gern behaupten, dass Codys Aussage der Grund dafür war, weshalb ich Vivienne Sanborns Drängen nachgegeben hatte. Oder die Tatsache, dass Ellen von der kleinen Stadt in New Hampshire mit leuchtenden Augen geschwärmt hatte. Abgesehen davon, dass mich mit Beginn des neuen Jahres nichts mehr in Montreal hielt. Sicher spielte das alles ebenfalls eine Rolle, doch der ausschlaggebende Grund für meine Entscheidung war kein abstrakter, sondern eine Person. Ein Mann. Arthur Bergeron, der Chef Armands Souschef gewesen war, als ich im Le Ciel Céleste zu arbeiten begann. Als Ausnahmetalent hatte Chef Armand ihn an meinem ersten Arbeitstag bezeichnet, einen Visionär, der ohne Schnickschnack wie flüssigen Stickstoff, Trockeneis oder dem Einsatz eines Rotationsverdampfers Unglaubliches erschuf. Ein Kochkünstler, dessen Kreationen dem Begriff Art Culinaire Sinn gaben. Artie Bergeron, der damals bereits zweifacher Vater und glücklich verheiratet war. Sehr glücklich.
»Kommst du endlich rein, Sue, oder willst du herausfinden, wie lange es dauert, bis du zu einem Eiszapfen frierst?« Ellen stand in der Haustür, ihr Blick war besorgt.
Womit sie mich zu einem beruhigenden Lächeln zwang, was den letzten Rest meiner Grübeleien verschwinden ließ. In diesem Moment – wie schon so oft – musste ich einfach die große Schwester sein. Der Puffer zum Rest der Welt, die Verständnisvolle, diejenige, die alle Probleme frontal anging und dafür sorgte, dass die Wolken vom Himmel verschwanden. Ich musste stark sein. Auch wenn ich mir nichts mehr wünschte als jemanden, an dem ich mich anlehnen und bei dem ich schwach sein durfte.
[…]
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