„Kongo: Kinder der Savanne“ von D.W. Crusius


Gail Friedman, Journalistin aus Washington, bekommt von ihrem früheren Arbeitgeber in Hamburg einen brisanten Auftrag. In einem Laboratorium in Ostafrika werden Menschen für medizinische Versuche missbraucht, sagt eine anonyme Quelle.

Gail reist nach Kinshasa, Hauptstadt des Kongo. Als sie ihr Ziel in Ostafrika erreicht, macht sie sich mit dem Afrikaner Tayo, dessen Enkelin unter mysteriösen Umständen verschwunden ist, auf die Suche nach der Wahrheit. Bei ihren Recherchen kommen sie mächtigen Pharmakonzernen und Regierungskreisen in die Quere.

Gails bittere Erkenntnis: jeder, der Licht in das verbrecherische Treiben bringen will, riskiert sein Leben.

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Leseprobe

Der kleine Affe
Der Junge hatte Mitleid mit dem Affen. Das Tier war so groß wie ein Papagei, sein Rückenfell war gelblich-grau, sein Gesicht wie von einer Maske aus weißlichen, nach allen Seiten abstehenden Haaren bedeckt. Aufgeregt sprang er in dem Käfig zwischen den hölzernen Stangen auf und ab. Dabei gab er weinerliches und mitleiderregendes Gejammer von sich.
Der Vater des Jungen hatte ihn vor zwei Tagen in der Savanne in einem Netz gefangen. Der Affe würde nicht mehr lange leben, der Junge wusste das. Er zog ein Stückchen Maisbrot aus seiner Hosentasche, schob es vorsichtig durch die hölzernen Stäbe. Gierig griff der Affe danach und verschlang es.
»Heute gebe ich dir etwas zu fressen, morgen holt meine Mutter dich aus dem Käfig, schlachtet dich, zieht dir das Fell ab, und dann werde ich satt«, sagte er zu dem Äffchen.
Er zog ein zweites Stückchen Brot aus seiner Tasche, hielt es mit der linken Hand dem Äffchen hin. Mit der rechten Hand griff er durch die Gitterstäbe und streichelte ihn vorsichtig, während der das Brot fraß. Der Junge sagte: »Mehr habe ich nicht«, und er streichelte weiter das Äffchen.
Vorsichtig öffnete er die Klappe des Käfigs, wollte den Affen besser kraulen und streicheln. Blitzschnell sprang das Tier aus dem Käfig, vorbei an den Händen des Jungen. Einen Moment saß er auf einem Balken unter der Decke, sah mit großen Augen herunter zu dem Jungen. Dann verschwand er in langen Sprüngen laut schreiend aus der Hütte und in dichtem Gebüsch verschwunden.
Es war nicht gut, was er tat, der Junge wusste es. Er hatte sechs hungrige Geschwister. Er tröstete sich damit, dass es ein mageres Kerlchen war, nicht viel Fleisch zum Braten an den Knochen. Der Vater des Jungen war seit letzter Nacht mit Männern aus den anderen Hütten im Busch auf der Jagd. Er würde bald zurück sein und der Junge wusste, dass er die Fallen und Netze geleert hatte, und kleine und größere Affen mitbringen würde. Auch Schlangen, Ratten, Mäuse und große Heuschrecken, alles, was man im Kongobecken, in ganz Schwarzafrika, Bushmeat nennt.
Am Abend kam der Vater von der Jagd, sie hatten gute Beute gemacht. Affen, auch ein größerer Affe, ein Schimpanse, ein junges Zebra, eine schwarze Mamba. Die Männer hatten ihr mit einer Schlinge das Maul zugebunden, dass die Gifte nicht verspritzen konnte. Mambas sind die gefährlichsten Schlangen Afrikas. Nur ein kleiner Riss in der Haut, und ein qualvoller Tod war sicher. Sie schlachteten ein Tier nach dem anderen, die Frauen brieten sie, und sie tranken aus Mais geborenen Schnaps dazu. In der Nacht waren sie satt und sehr fröhlich. Sie machten Musik, wilde Trommelmusik, sie spielten auf hölzernen Flöten und dazu tanzten sie.
Zwei Tage später wurde der Junge fiebrig. Er bekam Ausschlag, die Haut auf seiner Brust und am Rücken platzte auf. Er musste nicht lange leiden, eine Nacht und den folgenden Vormittag, dann starb er. Den Leichnam des Jungen verbrannten sie noch am selben Abend, das macht man am Kongo bei Todesfällen mit aufgeplatzter Haut. Der Medizinmann des Dorfes verbrannte Kräuter mit dem Jungen und sang dazu. Drei Tage nach dem Jungen starb die Mutter, dann der Vater, dann alle ihre Kinder.
Nach wenigen Tagen waren alle Dorfbewohner tot, auch der Medizinmann. Sie starben so schnell hintereinander, dass niemand mehr die Kraft hatte, die Körper zu verbrennen. Die Leichen lagen in den Hütten und auf den Wegen zwischen den Hütten. So wie sie zusammengebrochen waren. Die Körper waren aufgeplatzt und mit einer dunkelbraunen und gelblichen Masse bedeckt. Der Gestank lockte Hyänen, Füchse und andere Raubtiere an. Die großen Raubtiere fraßen nicht von den Leichen, nur die Ratten. In dichten Schwärmen kreisten Geier über dem Dorf, angelockt vom Gestank. Die um das Dorf stehenden Akazien und Affenbrotbäume waren bald dicht bevölkert von Geiern. Auf den ausladenden Ästen der Akazie auf dem Versammlungsplatz im Dorf saßen so viele Geier, dass die Äste bis zum Boden knickten und brachen.
Das Dorf lag etwas abseits. Die Bewohner der Nachbardörfer sahen die kreisenden Geier, rochen den Leichengestank, der in Schwaden durch das Tal zog, und sie wussten, was geschehen war.
Die Soldaten der nahen Garnison zogen es vor, in ihren Unterkünften zu bleiben. Sie wollten den Dorfbewohnern nicht ins Jenseits folgen. Aus dem einzigen Hubschrauber der Garnison warfen sie Brandbomben ab, um zu verhindern, dass sich die Seuche ausbreitete. Seit der Kolonialzeit ist in Schwarzafrika Feuer die übliche Methode, Krankheitsherde und Seuchengebiete zu bekämpfen. Früher sperrten man die Gebiete ab und setzte die Savanne in Brand.
Das Dorf lag fünfzig Kilometer nördlich von Kisangani, der Hauptstadt der Provinz Tschopo. Kisangani hat 1,6 Millionen Einwohner und liegt am Fluss Kongo, der zwischen Brazzaville und Kinshasa hindurch fließt und bei Banana und Soyo in den Atlantik mündet.
Zu dieser Zeit durchquerten drei Jeeps mit Touristen aus China das Tal. Sie beobachteten die Geier am Himmel, fotografierten und filmten und freuten sich auf die langen Abende, wenn sie ihren Gästen die Filme vorführen und von ihren Abenteuern in Afrika erzählen konnten.
Sie brachten nicht nur Filme und Fotos mit. Im Flugzeug auf der Rückreise verbreiteten sich die Viren, mit denen sie sich infiziert hatten. Bei der Zwischenlandung in Bangkok gingen sie im Terminal in die Cafeteria und nach der Landung in ihrer Heimatort zeigten sich bei einigen der Safari-Touristen die ersten Krankheitssymptome. Auch in Bangkok, wo sie in der Cafeteria gesessen hatten und in Madrid, wohin das Flugzeug weiter geflogen war, und in Paris und dann in London. Es war eine Maschine der British Airways.

[…]


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