Wenn Agatha Christie die Brüder Grimm getroffen hätte, wäre dabei vielleicht so ein Krimi herausgekommen:
Ein Mädchen ohne Vergangenheit taucht mit einem Vermögen an Goldstücken in Byonn auf. Sie richtet sich ein und verwendet ihr Geld, um Gutes zu tun. Fünf Jahre später wird sie ermordet. Aber wer könnte ein Interesse daran haben, sie tot zu sehen? Und warum jetzt?
Erkül Bwaroo reist nach Byonn, um das Rätsel zu lösen. Butler Orges soll derweil den Junggesellenabschied für Bwaroos besten Freund, Artur Heystings, organisieren. Und so ist Bwaroo bei seinen Ermittlungen ganz auf sich allein gestellt. Er stößt nicht nur auf einige Ungereimtheiten, sondern bekommt es auch noch mit einem Inspektor zu tun, der ziemlich verärgert auf seine Einmischung reagiert. Nicht zuletzt deshalb, weil er eine junge Frau verdächtigt, die Bwaroo für unschuldig hält.
Der 9. Band der Reihe „Erkül Bwaroo ermittelt“.
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Leseprobe
„Monsieur Bwaroo, ich bin so froh, dass Sie kommen konnten,“ erklärte die junge Dame.
„Pas de quoi. Keine Ursache.“ Bwaroo hatte sich bei ihrem Eintreffen erhoben und rückte ihr nun den Stuhl zurecht, als sie sich setzte. Ihm war nicht ganz wohl bei diesem Treffen, denn dass Maja Behn, die Verlobte seines besten Freundes Doktor Artur Heystings, ihn allein sehen wollte, ließ nichts Gutes ahnen. Einen Moment lang ruhte sein Blick gedankenverloren auf ihrem rotbraunen Haar, das so raffiniert aufgesteckt war, dass es die delikaten spitzen Ohren der Halbelfe freiließ. Dann nahm er selbst wieder Platz. „Ich habe mir erlaubt, eine Flasche Wein zu bestellen …“ Der rundliche Elf hob eine Flasche Weißwein. „Darf ich?“
„Gern.“ Maja nickte.
Sie schien es nicht eilig zu haben, ihn über den Grund des Treffens aufzuklären, denn sie griff erst einmal nach der Speisekarte.
„Ich denke, ich nehme den Heilbutt“, entschied sie, nachdem sie die Karte eine Weile studiert hatte. „Artur hat mir erzählt, dass er hier ganz besonders exquisit sein soll.“
„Und warum hat Sie mon cher ami Doktor Heystings dann nicht begleitet?“
„Oh, er weiß gar nichts davon, dass ich heute Abend hier bin.“
Nun schaute Bwaroo entschieden unbehaglich drein.
„Und darf ich den Grund erfahren, warum Sie mich unbedingt hinter dem Rücken von Doktor Heystings treffen wollten?“
„Warum nennen Sie ihn eigentlich nicht beim Vornamen?“
„Pardonnez-moi?“
„Nun, sie beide kennen sich doch schon seit vielen Jahren, nicht?“
„Ja, und?“
„Und sie sind beide gute Freunde, beste Freunde sogar …“ „C‘est vrai. Ich denke, Heystings
ist der beste Freund, den ich habe.“
„Aber Sie duzen ihn nicht und nennen ihn niemals Artur. Warum nicht?“
„Es hat sich nie ergeben.“ Bwaroo räusperte sich und strich sich dann seinen stattlichen Schnurrbart. „Außerdem unterstreicht es die besondere Verbindung zwischen uns beiden. Aber, wenn ich fragen darf …“
„Haben Sie schon ausgesucht, was Sie essen wollen?“
„Ja, das habe ich.“
Wie auf Kommando erschien jetzt auch ein Kellner und nahm die Bestellungen auf.
„Also, … äh …“ Maja spielte unschlüssig mit ihrer Serviette herum, als der Kellner wieder weg war. Jetzt, da es ernst wurde, war sie plötzlich um die sorgsam zurechtgelegten Worte verlegen.
„Mademoiselle Behn“, kam ihr Bwaroo zu Hilfe, „ich nehme an, Sie wollen mich wegen der Hochzeit sprechen, die in zwei Wochen stattfinden soll und bei der ich die Ehre habe, der Trauzeuge des Bräutigams zu sein.“
„Ja. Ja, genau!“ Maja holte erleichtert tief Luft.
„Und was ist geschehen? Haben Sie es sich anders überlegt?“, drang Bwaroo weiter in sie.
„Oh nein!“, wehrte Maja schnell ab, als sie Bwaroos besorgte Miene sah. „Neinnein. Ich will Artur immer noch heiraten. Er ist ein richtiger Schatz, und ich … ich bin sehr glücklich, seine Frau zu werden. Nur … also, die Hochzeit muss verschoben werden.“
„Mais pourquoi? Was ist geschehen?“
„Ein Mord.“
„Ein Mord in Ihrer …“, gerade noch rechtzeitig unterbrach sich Bwaroo, der ‚Familie‘ hatte sagen wollen, als ihm einfiel, dass Maja allein und ohne jeglichen Angehörigen in der Welt stand, „in Ihrer Bekanntschaft?“, berichtigte er schnell. „Wer wurde denn ermordet?“
„Stella Hauser. Sie haben bestimmt in der Zeitung darüber gelesen.“
„Das habe ich in der Tat. Die junge Dame, die vor ein paar Jahren aus dem Nichts in Byonn auftauchte. Sie wurde erstochen. War sie eine Freundin von Ihnen?“
„Nein, ich habe sie nie getroffen.“ Maja schüttelte den Kopf. „Aber denken Sie nur …“ Sie beugte sich nach vorn, und ihre Augen blitzten vor Erregung, „‚Die Zeiten‘ hat mich beauftragt, einen Artikel über Stella zu schreiben! Das ist meine Chance, mich als ernstzunehmende Journalistin zu etablieren. Und was für eine Story das ist: Erst taucht eine blutjunge blonde Schönheit barfuß und nur mit einem Nachthemd bekleidet im ‚Adler‘, Byonns vornehmstem Hotel auf. In ihr Nachthemd gerafft trägt sie haufenweise echte Goldtaler. Keiner kennt das Mädchen. Niemand weiß, woher es kommt. Und es erzählt lediglich, dass es völlig mittellos und allein in der Welt stehe. Aus Mitleid habe es ihr letztes Stück Brot und nach und nach ihre ganze Kleidung an arme Leute verschenkt, und dann seien in der Nacht die Sterne als blanke Taler vom Himmel gefallen.“
Maja wurde unterbrochen, als der Kellner die Suppe servierte.
„Vorzüglich“, stellte sie fest, nachdem sie gekostet hatte. „Also, wo war ich? Ach ja, Sterne als Goldtaler. Das mysteriöse Mädchen richtet sich ein, legt ihr Geld gut an und wird eine bewunderte Köchin mit einem eigenen Gourmetrestaurant, das sie passenderweise ‚Sterntaler‘ nennt. Nebenbei gibt sie ihr Geld vor allem für mildtätige Zwecke aus. Jede Menge Verehrer, aber keine Skandale. Und dann wird sie plötzlich erstochen aufgefunden.“ Die schöne Halbelfe strahlte. „Was für eine Story!“ Doch dann erlosch ihre Begeisterung. „Ich darf mir diese Chance nicht entgehen lassen. Aber dann muss ich nach Byonn fahren und recherchieren. Ich werde keine Zeit haben, um die Hochzeit vorzubereiten, für den Blumenschmuck, die Musik, die Hochzeitstorte … Artur ist lieb und hat einen guten Geschmack. Aber spätestens bei den Anproben für das Brautkleid ist er außen vor. Wir müssen die Hochzeit um mindestens einen Monat verschieben. Falls das so kurzfristig geht.“
„Ja, Heystings hat mir erzählt, wie lange sie beide suchen mussten, bis sie einen passenden Ort für sich gefunden haben, der obendrein zum gewünschten Termin frei war.“
„Halb Laundom hat sich anscheinend vorgenommen, genau zu diesem Termin zu heiraten oder Jubiläen und Geburtstage zu feiern.“ Maja seufzte.
„Nun, Mitte September kann man ziemlich sicher sein, dass das Wetter hält.“ Bwaroo lächelte. „Aus diesem Grund haben ja auch Sie diesen Termin gewählt.“
„Na ja, im Winter bekommen wir bestimmt problemlos einen neuen Termin …“
„Was sagt denn Ihr Bräutigam dazu?“
„Ich … nun … äh … er weiß es noch nicht.“ Maja wurde rot bis hinter die Ohren. „Ich hatte gehofft, dass Sie vielleicht …“ Sie warf Bwaroo einen flehenden Blick zu.
Bwaroo saß einen Moment da wie vom Donner gerührt.
„Mademoiselle! C’est impossible. Das kann ich nicht machen“, sagte er dann. „So etwas kann ich meinem Freund nicht antun.“
Maja ließ enttäuscht den Kopf hängen.
„Aber ich kann etwas anderes für Sie tun, damit Sie beides bekommen können – Ihren Artikel und die Hochzeit.“
[…]
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