„Sinas Erbe“ von Claudia Kerpa


Manchmal muss man alles verlieren,
um das zu finden, was einen rettet.

Nach einer Ehe voller Kontrolle und stillem Terror gelingt Vera die Flucht.

Unter dem Namen Sina beginnt sie ein neues Leben in Dänemark: ein altes Fischerhaus, die herzliche Rikke, die Geduld des sanften Finn und der Duft von Freiheit, der ihr jeden Tag ein Stück näherkommt.

Doch Liebe heilt langsam.
Und manche Wunden tragen einen Namen.

Frederic gibt die Suche nicht auf.
Und als ein Sommerabend am Strand gefilmt wird, gerät Sinas mühsam aufgebaute Welt ins Wanken.

Ein Roman über die Kraft des Neuanfangs, über die Menschen, die uns aufrichten und darüber, dass Freiheit manchmal den Mut verlangt, sich selbst zu retten.

Einkaufen: Kindle | Taschenbuch
Kennenlernen: Claudia Kerpa bei MeerART

Leseprobe

Der türkisfarbene Seidenschal umspielte ihren Hals wie eine letzte Umarmung. Leicht, fast schwerelos, wie die Frau, die ihn trug. Sie stand auf der Steinterrasse hinter der Villa, einen Schritt entfernt vom Ballsaal, aus dem gedämpft Musik und Stimmen drangen. Chopin. Immer wieder Chopin. Leise Lacher, klirrende Gläser, das sonore Murmeln der besseren Gesell­schaft. Ihre Gesellschaft. Zumindest heute noch.
Ein letzter tiefer Atemzug.
Der Stoff auf ihrer Haut war kaum mehr als ein Flüstern – ein Kleid wie gemalt. Hoch geschlitzt, der Rücken frei, ein tiefer Ausschnitt, der mehr zeigte, als sie jemals freiwillig preisgege­ben hätte. Ihre Brüste zeichneten sich unter dem zarten Stoff ab, und einzelne Locken fielen ihr spielerisch aus der Hoch­steckfrisur in den Nacken. Sie sah aus wie das, was er aus ihr gemacht hatte: ein Kunstobjekt, ein Schmuckstück. Halb Elfe, halb Vamp. Nur schon lange nicht mehr sie selbst.
Er liebte es, sich mit ihr zu schmücken – besonders auf solchen Empfängen. Und wehe, in anderer Mann wagte es, sie anzu­sehen. Dann wurde aus Stolz Eifersucht. Aus Lächeln Wut.
Sie drehte sich nicht um. Nicht zu ihm. Nicht zu dem Mann, der sie lächelnd hatte gehen lassen, als sie sich für »einen Moment frische Luft« entschuldigte. Er hatte sie gemustert mit diesen Augen, dunkel wie Sturmwasser, gefährlich ruhig. Ein Nicken. Kalt. Kontrolliert. »Zehn Minuten«, hatte er gesagt. »Nicht mehr, meine Schöne.«
Und sie hatte genickt. Wie immer.
Wie ein Schatten hatte sie sich durch die Gesellschaft bewegt, hatte sich nicht einmal verabschiedet. Es war besser so.
Unten am Elbufer, nahe dem schmalen Weg zum Jenischpark, lag der kleine Busch mit der gespaltenen Wurzel. Versteckt dahinter der Rucksack. Ein altes, abgewetztes Ding, das nicht nach Blankenese aussah. Darin: Jogginghose, Kapuzenjacke, Bargeld, ihr alter Ausweis mit Geburtsnamen und die Snea­kers. Die Schuhe, die sie tragen würde, wenn sie nicht mehr existierte.
Sie kniete sich auf den feuchten Boden, schlüpfte aus dem Kleid, hastig, aber leise. Ihre Haut war kühl, fast durchsichtig im Mondlicht. Ein Zittern lief ihr über die Schultern, ob vor Angst oder Erleichterung konnte sie nicht sagen.
Das Kleid stopfte sie in den Rucksack. Die Jacke hatte sie schon übergezogen. Die Sneakers… Sie griff nach ihnen –Ein Geräusch.
Ein knackender Zweig. Nicht laut. Aber da.
Ihr Herz raste. Adrenalin schoss ihr in die Adern. Kein Gedanke mehr an Vorsicht. Nur noch Flucht.

[…]


Entdecke mehr von Buch-Sonar

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Hinterlasse einen Kommentar