„Im Schatten des Seneca“ von Peter Waldbauer


Die 15-jährige Sonja Tauber, Tochter eines verstorbenen Frankfurter Software-Unternehmers wird auf dem Schulweg entführt und in einem abgelegenen Haus im Odenwald gefangen gehalten. Ihre Mutter erhält eine Lösegeldforderung in Millionenhöhe und die Drohung, dass Sonja getötet wird, falls sie nicht bezahlt. Anfangs noch zuversichtlich auf ein schnelles Ende, vertreibt sich Sonja in ihrem Versteck die Zeit mit Lesen und Gymnastik. Entgegen der Anweisung der Entführer ist von Anfang an die Polizei im Spiel und verfolgt ihre eigenen Interessen.

Während Sonja im Keller auf die rettende Nachricht wartet, scheitert eine Geldübergabe nach der anderen. Mal sind die Entführer zu vorsichtig, mal die Überbringer zu zögerlich. Die Entführer erhöhen den Druck auf die Familie und sie erhöhen die Lösegeldforderung, doch die Sache droht zum unendlichen Fiasko zu werden. Der Frust bei allen Beteiligten wächst ins Unerträgliche und nachdem ihr Fluchtversuch gescheitert ist, sieht Sonja dem sicheren Tod entgegen. Eine letzte Möglichkeit wird erwogen, bei der die Entführer auf Sonjas Hilfe angewiesen sind. Kann sie die rettende Idee für eine gelungene Lösegeldübergabe liefern?

Ein literarisch angehauchter Thriller, der sich jenseits aller Serienkiller-Manie einem klassischen Verbrechen angenommen hat: dem erpresserischen Menschenraub.

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Leseprobe

Renz schätzte die Maklerin als arglose Person ein, sie würde kein Misstrauen hegen. Es gab mehrere Ferienhäuser im Ort und der Anwalt hatte ihn beauftragt, dieses hier zu mieten. Die kleine, quirlige Frau war etwa so alt wie er, Anfang fünfzig, und sprach einen südhessischen Dialekt. Sie verwahrte die Schlüssel zu dem Haus und würde auch den Mietvertrag mit ihm abschließen, die Vermieter saßen irgendwo in Franken. Sie würden es also nur mit der Maklerin zu tun haben. Das Haus im Belschbachtal war wunderbar abgelegen und zugleich angebunden an die Zivilisation. Sie würden einige Zeit hier bleiben und der Göre regelmäßig zu Essen geben müssen. Es gab einen Mini-Discounter im Ort und einen größeren Einkaufsmarkt ein paar Kilometer entfernt, auch eine Pizzeria, falls sie mal keine Lust hatten, Mahlzeiten zuzubereiten. Sie würden weite Strecken auf der Autobahn zurücklegen müssen, bis zum Anschluss an die A5 bei Schriesheim waren es zwölf Kilometer, von dort gelangte man in jede Richtung. Der Anwalt hatte ihm geraten, immer etwas mit geknickten Beinen zu stehen, um seine imposante Größe von 1,86 Meter zu kaschieren. Jede Abweichung vom Durchschnitt sei auffällig und vielleicht erinnerbar. Renz vermied es, zu nahe an die Maklerin heranzutreten, damit sie nicht zu ihm aufschauen musste. Ihn störte ohnehin ihr aufdringliches Parfüm und er war froh, wenn es ihm nicht zu sehr in die Nase stieg. Er hatte sich ihr als Handelsvertreter für Werbeprodukte aus Köln vorgestellt, den es zu Kundenbesuchen in den Odenwald verschlagen, der die Gegend kennen und lieben gelernt hatte und nun mit Skatfreunden hier seinen Urlaub verbringen wollte. Die Ruhe dieser Idylle sei himmlisch und erst die Luft, genau das Richtige für stressgeplagte Großstädter wie ihn. Außer auszuspannen, würde er von hier auch zu einigen Kundenbesuchen in Südhessen unterwegs sein, das sei günstiger als die ständigen Hotelaufenthalte. Renz war mit dem Auto einer Mietwagenfirma aus Köln angereist, wo er auch tatsächlich wohnte. Er war geschäftsmäßig gekleidet, elegant, aber leger, ihn umgab die Aura bürgerlichen Wohlstandes.
Die Maklerin hatte ihn zu Beginn des Gespräches taxiert. Der Mietinteressent machte einen seriösen Eindruck. Er würde keine feuchten Junggesellenabende hier feiern und keine randalierenden Fußballkumpels mitbringen, die ihr die Bude auf den Kopf stellten. Eine Riege älterer Herren war ihr gerade recht.
„Zuletzt haben fünf Monteure hier gewohnt, sagte sie, „der Vermieter ist tolerant, solange alles heil bleibt.“
Renz nickte freundlich. „Selbstverständlich, Ehrensache.“
Sie besichtigten das Erdgeschoss. Einbauküche, Wohnzimmer, Schlafzimmer, Abstellkammer, Bad mit WC und Dusche. Es war alles da, was sie brauchten. Der Anwalt und Renz hatten den Plan des Hauses schon im Internet studiert und wussten, was sie erwartete.
„Sehr schön“, sagte Renz und lächelte die Maklerin mit seinem Vertreterlächeln an. Sie lächelte zurück. „Wenn Sie wollen, gehen wir auch in den Keller.“
„Oh ja, gerne.“ Der Keller war das wichtigste. Renz musste den Kopf einziehen, als sie die Wendeltreppe hinuntergingen. Heizungsraum, Waschküche, eine Art Hobbyraum und ein kleines Vorratszimmer mit Regalen an den Wänden. Renz war mit den baulichen Gegebenheiten zufrieden. Sie würden noch ein paar Änderungen an der Tür und den Fenstern des Hobbyraumes vornehmen müssen, damit ihnen die Göre nicht entwischte. Sie würden ein paar Dinge besorgen müssen, aber sonst war das Haus ideal. Die
Maklerin bot einen Zeitmietvertrag auf Monatsbasis an, den sie jederzeit verlängern konnten.

[…]


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