„Der seltsame Schleifentisch“ von Harry Dettenborn


„Sicher ist, dass nichts sicher ist. Selbst das nicht.“

Fast jeder, der das liest, denkt kurz: Was nun? Lustig oder ärgerlich findet er diese Wortkonstruktion, eine „seltsame Schleife“. Und wendet sich rasch wieder seinem Alltag zu. Nicht so Thorsten Kandler, ein zum zwanghaften Grübeln neigender Chemiker. Verstört oder nur engagiert, zwanghaft oder nur konsequent – jedenfalls ist er besessen von der Idee, die Menschen von den Vorteilen und Gefahren solcher „seltsamen Schleifen“ zu überzeugen.

Angetrieben vom Streben nach Erkenntnis und Weltverbesserung vernachlässigt er seine Familie, trägt indirekt zum Tod seines Sohnes bei. Aber er vereint auch Mitstreiter am Schleifentisch. In seinem fanatischen Bemühen gerät er in einen Strudel aus heftigen Konflikten, kriminellen Episoden und tragischem Scheitern. Kommt er gar in einer seltsamen Schleife um?

Der Roman richtet sich an Leser und Leserinnen, die eine spannende Story zu komplexen Charakteren, subtilen Abgründen und einem kuriosen Schicksal schätzen.

Einkaufen: Kindle | Tolino | Taschenbuch
Kennenlernen: Harry Dettenborn

Leseprobe

Was auf dieses Interview folgte, entsprach weder seinen kühnsten noch seinen schlimmsten Träumen. Die Anfragen von Funk, Fernsehen und Presse überschlugen sich. Man verlangte Prognosen von ihm, wollte wissen, was nun, da die Schleifen nicht mehr seltsam waren, die Zukunft bringt. So hatte er in seinem verhängnisvollen Interview auch das sich selbst verstärkende und dadurch beschleunigte Abschmelzen des Meereises erwähnt. Prompt folgte die Frage, wann der Kipppunkt erreicht sei, an dem sich der Prozess umkehren würde. Wie man nach neuem Erkenntnisstand die unerwartet massenhaften Protestveranstaltungen gegen Rechts zu einem umfassenden Umdenken der Menschen hinkippen lassen könne. Ein Linguist wollte von ihm wissen, was denn nun sei mit der Aussage «Dieser Satz ist falsch.» Schließlich müsse er, wenn er falsch ist, richtig sein. „Erlösen Sie mich“, schrieb er.
Anfragen aus Medizin und Industrie verursachten ihm das kalte Grausen. Er übergab das Beantworten der Anfragen den Frauen Wendler und Münder. Sowohl Schneider als auch Fernkorn und Börner hatten abgelehnt. Ballin wollte er nicht fragen.
Anfängliches Unbehagen wandelte sich in Widerwillen und Bitterkeit. Er wehrte sich redlich. Interviews gab er nur noch selten, an Podiumsdiskussionen nahm er kaum noch teil, wenn doch, dann um klarzustellen, was er wirklich gesagt hatte. Und was er nicht gesagt hatte. Mal appellierte er an Einsicht und Vernunft, mal sprach er von gezieltem Missverstehen, Borniertheit und Ignoranz. Aber es war vergeblich.
Junge Leute gründeten Start-ups und wollten von ihm unterstützt werden. Ein solcher Start-up nannte sich „Reduktion ungewollter gesellschaftlicher Phänomene“ und wollte ihn als Mitgründer gewinnen. Als ihm gar eine Privatuniversität aus Bayern eine außerordentliche Professur anbot, rief er verzweifelt erst Fernkorn und danach Schneider an. Fernkorn gab sich reserviert und blieb bei seinem „Wer die Geister rief…“ Schneider wich erst aus in Floskel: „Erfolg ist eben nicht zu trauen und entpuppt sich gern als Irrwisch.“ Dann riet er Kandler: „Tauchen Sie ab! Reagieren Sie auf nichts mehr!“ Nicht ohne vieldeutig anzufügen: „Auch wenn Ihnen das schwer fällt.“
So war es auch. Es fiel ihm schwer. „Ich fühle mich wie urplötzlich in ein Kriegsgebiet versetzt, aber unbewaffnet und hilflos“, antwortete er Schneider. Aber an dessen Ratschlag hielt er sich. Das war umso leichter, als die Anzahl der Interviewwünsche und Medienkommentare allmählich abnahm. Zugleich nahm der Anteil von Anfragen mit bissigem Unterton zu.
Ein Kritiker erinnerte ihn daran, dass er früher auch behauptet hatte, Vorurteile seien nichts anderes als Seltsame Schleifen. Da sie nur ihre eigene Sichtweise zuließen und abweichende Informationen ausblenden, könnten sie gar nicht anders, als sich selbst zu verstärken. Völlig unlogisch fragte der Kritiker, wann demnach eine vorurteilsfreie Welt zu erwarten sei. In einer anderen Anfrage erklärte jemand die ewige Jagd nach alternativen Energiequellen kurzerhand zu Seltsamen Schleifen. Kandler als Chemiker, hieß es zynisch, wisse doch nun sicher, wie sie zu knacken sind. Und wie auf diesem Wege auch die zähe Suche nach biokompatiblen Materialien für Implantate ein Ende finden könne.
In einem Zeitungsartikel wurde er als „Messias Seltsam“ bezeichnet. Auch mischte sich die Frage darunter, ob er Angst vor der eigenen Courage habe oder nur einen Fake losgelassen habe. Ein Journalist meinte, Kandler und seine Mitstreiter glichen Zirkusakrobaten, die bei ihren Gedankentänzen vom Seil gestürzt sind. Ein anderer Journalist giftete: „Sie bauen sich Luftschlösser, in denen sie spuken und spinnen.“ Auch von fiebriger Unrast und gedanklichen Taumel, die dringend nach Abklärung verlangten, war die Rede.
Da erinnerte sich Kandler, dass er einmal, ohne an Reaktionen von außen oder an Resonanz von irgend jemandem zu denken, Freude an den Seltsamen Schleifen gefunden hatte, ja sich berauscht hatte. Brauchte er diese missgünstige Außenwelt überhaupt?
Aber die freudige Erinnerung war flüchtig und verkümmerte zu einem matten Sehnen. Aus der Chronik der Tage ragte der Tag des Interviews heraus wie ein Trümmerberg auf englischem Rasen. Denkt er daran, ist ihm als ob ihn ein großes Lastauto anfährt, und zwar von vorn.

[…]


Entdecke mehr von Buch-Sonar

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Hinterlasse einen Kommentar