„Der Mann, der aus dem 3D-Drucker kam“ von Max Claro


München, 2059: Walter Fabricius, einst gefeierter, nun vergessener und verwitweter Schauspieler, ist entschlossen, sein Leben an seinem 70. Geburtstag im Kreis seiner Kinder zu beenden. Bei den Vorbereitungen für seinen Abgang erfährt er von einer fast unglaublichen Möglichkeit: Eine mysteriöse Schweizer Firma bietet an, eine jüngere, optimierte Version von sich selbst mithilfe eines 3D-Bio-Druckers in Asien zu produzieren.

Walter zögert nicht lang. Er lässt sich einscannen und um 35 Jahre verjüngt in Bangkok ausdrucken. Dabei geschieht ein verhängnisvoller Fehler, der alles auf den Kopf stellt und sein junges Alter Ego auf einen atemlosen Trip durch ein Thailand der Zukunft und zu Walter selbst führt.

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Leseprobe

Alles, was ich am Körper trug, war das Exoskelett und ein weites, hinten offenes Flügelhemd, wie man es typischerweise in Krankenhäusern bekam. Allerdings war mein Flügelhemd nicht weiß, wie in Deutschland üblich, sondern kanariengelb und mit vielen kleinen blauen Elefanten bedruckt. Es reichte vorne bis zu den Knien, ließ aber den Blick auf meinen Po frei, sodass ich mich immer mal wieder umdrehte und es mit einer Hand zusammenhielt, sobald mir Menschen von hinten zu nahe kamen. Alles in allem musste ich ein befremdliches Bild abgeben. Doch ich scherte mich nicht weiter darum, denn endlich einmal war ich außerhalb des Krankenhauses unterwegs. Ich schlenderte die Sukhumvit Road entlang Richtung Südosten. In dieser wichtigen Verkehrsader Bangkoks reihten sich Hunderte von Geschäften, Restaurants, Hotels, Friseur-, Pediküre- und Massage-Salons, Apotheken, Bürogebäude und Wohnhäuser aneinander. Dazwischen Schuster, Scheiderinnen, Obst-, Gemüse- und Straßenhändler. Ein wahrhaft buntes Treiben. Wer hier kein Hemd und keine Hose bekam, bekam sie nirgendwo in der Stadt. Es stellte sich allerdings als außerordentlich schwierig heraus ein Hemd zu finden, das groß genug war, um über das Exoskelett zu passen und eine entsprechende Hose hätte wohl erst geschneidert werden müssen. Im dritten Laden wurde ich schließlich doch fündig. Ich erklärte der Geschäftsinhaberin, ich sei schwerbehindert und ausgeraubt worden und bekniete sie mir das Hemd zu geben, das ich irgendwann später bezahlen würde. Die Frau hatte Mitleid mit mir, bot mir einen kräftigen Discount an und hätte mir das Hemd für lumpige drei Cryptasia überlassen. Obwohl der Cryptasia zuletzt gut zehn Prozent wertvoller war als der Crypteuro, war das ein super Preis, für den ich in München nach dem letzten Stand meiner Erinnerung nicht mal einen Apfel hätte kaufen können. Dennoch war es zu viel für einen nahezu nackten, mittellosen Mann.
Wiederum drei Läden weiter fand ich erneut ein 5XL-Hemd, das mir passte, königsblau mit vielen gelben Elefanten, das perfekte Gegenstück zu meinem Flügelhemd! Der geschäftstüchtige Inhaber diskutierte nicht lange, musterte mich grinsend von Kopf bis Fuß und meinte, wenn ich mich so, wie ich jetzt aussah, mitten auf den Gehweg der Sukhumvit Road vor seinen Laden stellte, mit einer Hand mein Flügelhemd hinten zuhielt und mit der anderen Passanten in seinen Laden winkte, bekäme ich nach dem dreißigsten Menschen, der sich bei ihm umsah, das Hemd geschenkt. Der Deal klang fair, zumal er nicht davon abhing, ob die potenziellen Kunden wirklich etwas kauften.
Nach eineinhalb Stunden hatte ich mir das königsblaue Giga-Hemd, das mir über den Allerwertesten bis fast in die Kniekehlen hing, verdient. So konnte ich mich sehen lassen!

[…]


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