„Wie hinter Glas“ von Hanna Julian


Als der gefeierte Autor Miko Burg in ein Haus am See zieht, hat sich für ihn ein großer Wunsch erfüllt. Allerdings ist die Einsamkeit ein harter Gegner.
Sein einziger Besuch ist die kleine Lena aus dem Ort – abgesehen von dem mysteriösen „dünnen Mann“, der manchmal plötzlich auf Mikos Grundstück erscheint. Auch in seinem neuen Haus geschehen unerklärliche Dinge.

Als Miko einen Fremden aus dem Eis des Sees rettet, ändert sich seine gesamte Zukunft – auf eine Weise, die sich selbst der fantasiereiche Autor nicht hätte vorstellen können.

Gay Romantic Mystery Roman

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Leseprobe

Das Unglück des Fotografen
Eine Nacht mit erholsamem Schlaf lag hinter Miko. Zu verdanken hatte er das wohl dem Schlafmittel, das er am Abend zuvor eingenommen hatte. Er benutzte es höchst selten, aber wenn sein Gehirn ihm Streiche zu spielen begann, war eine Auszeit das beste Mittel, das ihm derzeit zur Verfügung stand.
Er reckte sich in der Küche nochmal ausgiebig und steckte zwei Scheiben Toast in die Schlitze des Toasters. Dann nahm er die Kaffeemaschine in Betrieb. Nachdem er Butter und Marmelade auf den kleinen Tisch in der Küche gestellt hatte, an dem er für gewöhnlich frühstückte, ging er zur Verandatür und blickte auf das Außenthermometer. Die Temperaturen lagen knapp über Null, was wohl den Strahlen der Sonne zu verdanken war, die sich heute am blauen und wolkenlosen Himmel zeigte. Der Ausblick war einfach unvergleichlich. Mit seinen teilweise gefrorenen Stellen bot der See wieder einen gänzlich neuen Anblick – wie eine Kulisse, die ein Künstler geschaffen hatte, um alles in eine perfekte vorweihnachtliche Stimmung zu tauchen. Vor allem hatten die heftigen Minus-Temperaturen dafür gesorgt, dass das Eis des Sees jetzt glasklar erschien, weil es vom Schneefall unberührt geblieben war.
Das Toastbrot sprang nach oben und verteilte seinen Duft, sodass Mikos Magen vernehmlich knurrte. Auch die Kaffeemaschine machte ihre typisch röchelnden Laute, die ankündigten, dass sie das dunkle Gebräu für den morgendlichen Genuss bereiterklärte.
Miko schnappte sich den Toast, bestrich beide Scheiben mit Butter und Erdbeermarmelade und biss herzhaft hinein, bevor er den Kaffee in seine Tasse goss. Heute schien die Welt gleich wieder viel freundlicher zu sein. Er war ausgeruht. Die düsteren Gedanken und Empfindungen wurden von der Sonne in den hintersten Winkel seines Geistes verbannt, wo sie hingehörten.
Dass er sich viele der Vorgänge in seinem Haus nach wie vor nicht erklären konnte, hing ganz bestimmt damit zusammen, dass er ein wenig überdreht war. Und das trotz der Ruhe im neuen Zuhause – nein, vermutlich gerade deswegen. Eine Sache der Gewöhnung. Der Polizist war sehr freundlich gewesen. Das waren alle Beamten, die er bislang kennengelernt hatte, seit er den dünnen Mann gemeldet hatte. Und vermutlich existierte dieser Kerl gar nicht, denn es ergab nun wirklich keinen Sinn, dass jemand, der nur mit einem Krankenhauskittel bekleidet war, sich in der Gegend aufgehalten haben sollte. Erst recht nicht über Wochen hinweg.
Es würde ihn auch gar nicht wundern, wenn Lena sich – trotz ihrer Beteuerungen, nicht zu lügen – die Geschichte nur ausgedacht hatte, und mit den Steinen einen Fußabdruck simuliert hatte, um scheinbare Beweise für ihre Flunkerei zu erschaffen. Kinder hatten eben eine blühende Fantasie, und da er selbst ja noch heute Geschichten erfand, war er nur zu willig gewesen, sie gewähren zu lassen. Aber damit war jetzt Schluss! Er benötigte entschieden mehr Realität – außer in seinen Romanen natürlich. Doch das war Arbeit, und nach der Arbeit wäre ab sofort kein Platz mehr für allzu fantastische Dinge, denn die konnten wirklich dafür sorgen, dass man ihn für verrückt hielt. Und das wollte Miko um keinen Preis!
Er beendete sein Frühstück, indem er seinen letzten Schluck Kaffee noch einmal ganz bewusst genoss. Dann stellte er seine Tasse ab und stand auf, um den Anblick des Sees erneut zu genießen. Danach würde er sich in sein Arbeitszimmer begeben, um Lenny mit einer neuen Romanfigur ins Bett sinken zu lassen – eine Immobilienmaklerin, die ihm nicht nur voller Hingabe einen Blowjob zukommen lassen würde, sondern auch wichtige Hinweise zu seinem aktuellen Fall geben könnte. Lenny würde der Dame auf seine ganz eigene Art danken – wie genau, erfand Miko erst beim Schreiben der Szenen.
Er war noch ganz in seine Gedanken versunken, als er am Seeufer plötzlich eine Gestalt erkannte. Im ersten Moment glaubte er, Lena würde doch ihren üblichen Spaziergang absolvieren, weil er dachte, ihren grünen Mantel gesehen zu haben. Dann erkannte er, dass es nicht das Kind war, sondern ein Erwachsener. Mikos Blick hatte sich jedoch von einer Sekunde zur anderen getrübt, als läge ein Schleier über seinen Pupillen.
„Was zum Teufel …?“, fluchte er und zwinkerte ein paar Mal. Dann ließ er die Lider kurz geschlossen. Er wollte eventuelle dünne Männer – die es hier in Wahrheit nicht gab – aus seinem Geist verbannen. Als er die Augen wieder öffnete, erkannte er, dass der Mann am Ufer durchaus nicht dünn war. Er war von stabiler Figur, was jedoch auch an der gefütterten Jacke liegen konnte, die er trug. Ansonsten war er mit einer Jeans, dicken Stiefeln, Schal, Mütze und Handschuhen bekleidet.
„Kein Krankenhauskittel … kein blanker Arsch, der rauslugt … und die Person ist kein halbes Skelett – trotzdem ist er ein Eindringling“, erklärte Miko sich selbst. Aber ihm war immer klar gewesen, dass sich irgendwann Touristen auf sein Grundstück verirren würden. Und dieser trug offenbar eine Kamera bei sich, um Fotos des schönen winterlichen See-Anblicks zu schießen. Verständlich. Dennoch war der Kerl unerwünscht. Miko überlegte, was er tun sollte. Ihn ansprechen oder gewähren lassen? Er sah zu, wie der Mann offenbar ein paar Aufnahmen machte. Dann betrat der Fotograf den zugefrorenen See. Damit hatte Miko im Grunde genommen kein Recht mehr, ihn zu vertreiben, denn der See gehörte nun mal nicht ihm.
Der Mann ging vorsichtig, aber recht zielstrebig, ein Stück auf den See hinaus. Er blieb erneut stehen, um zu fotografieren. Dann ging er weiter. Miko musste zugeben, dass der Typ um einiges mutiger war als er selbst. So weit hätte er sich niemals auf das Eis getraut, denn man sah ja, dass der See weiter in der Mitte kein bisschen gefroren war. Der Mann ging noch ein gutes Stück, dann drehte er sich um, hob die Kamera und fotografierte offenbar Mikos Haus. Das ging nun eindeutig zu weit! War er etwa schon so berühmt, dass Paparazzi geheime Fotos von seinem Wohnort und vielleicht sogar von ihm selbst schießen wollten? So oder so musste er den Kerl zur Rede stellen und ihm klarmachen, dass er ihn verklagen würde, wenn er auch nur ein einziges Foto veröffentlichte, das seine Privatsphäre verletzte.
Miko zog rasch seine Schuhe an und streifte die Jacke über. Auf den Rest verzichtete er, bevor der Fotograf wohlmöglich noch verschwinden konnte, ohne dass er ihm die Leviten gelesen hatte. Miko öffnete die Verandatür und stieg vorsichtig die rutschigen Stufen hinab. Während er über die Wiese ging, behielt er den Mann auf dem Eis im Auge. Der hatte die Kamera gesenkt, kam etwas in Richtung Ufer zurück, blieb dann jedoch stehen und blickte in Richtung Haus.
„Attraktiv“, schoss es Miko durch den Kopf, als er das Gesicht des Fotografen besser erkannte. Doch davon wollte er sich nicht einwickeln lassen.
„Hey!“, rief er und winkte dem Mann, dass er ans Ufer kommen sollte. Der Angesprochene griff nach seiner Kamera, die um seinen Hals hing, um sie festzuhalten, dann machte er einen großen Schritt in Mikos Richtung. Erst glaubte Miko, der Fotograf hätte es sich doch anders überlegt, denn der blieb wieder stehen und verharrte. Zwei Sekunden vergingen, vielleicht sogar drei. Dann splitterte das Eis unter den Füßen des Fotografen. Er versuchte fortzulaufen, aber es gab keinen Untergrund mehr für ihn, auf dem er das hätte bewerkstelligen können. Er brach in den See ein. Miko sah, wie der ganze Mann vor seinen Augen im Wasser versank. In seiner Not hatte er die Arme ausgestreckt, doch die krampfartig greifenden Finger fanden keinen Halt. Auch sie verschwanden in der Tiefe des eiskalten Wassers.

[…]


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