„Tree-Drop: Der aschgraue Baum“ von Nik Herrigel


An einem Montagmorgen erscheint auf sämtlichen Bildschirmen der Welt ein kahler, aschgrauer Baum und blockiert diese vollständig. Für exakt 60 Minuten steht die digitale Welt fortan – täglich zur gleichen Stunde – totenstill.

Der Tree-Drop

Das einst blinde Vertrauen in die digitale Technik wird auf eine immer härtere Probe gestellt, während die Verunsicherung der Bevölkerung betreffend die Herkunft des grauen Baums steigt: Fehlfunktion, Sabotage, Sonnenwinde oder ein raffinierter Plan? Das offizielle Statement beschränkt sich auf folgende zwei Sätze:

Im Jetzt findet Rat. Bis dahin akzeptiert, was ist.

Dann beginnt der Baum, sich zu verändern. Grüne Blätter wachsen an den kahlen Ästen und die digitalen Geräte werden zunehmend eigenwilliger. Peu à peu zeichnet sich eine Absicht hinter den Vorkommnissen ab.

Die fünf Protagonisten der Erzählung erleben diese Wende auf ganz eigene Weise. Zwischen Chaos und Erwachen, Misstrauen und Inspiration, Enttäuschung und Liebe beginnt die Suche nach einer neuen Art, Mensch zu sein – jenseits digitaler Dauerberieselung.
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Ohne sich in ausufernden technischen Details zu verlieren, schildert „Tree-Drop“ eine philosophisch-spirituelle Zukunftsvision voller Tiefgang, Ironie und Hoffnung. Eine Einladung, über den eigenen Umgang mit digitaler Technik nachzudenken und die Realität wieder mit allen Sinnen zu erfahren – bevor es zu spät ist.

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Leseprobe

Kapitel 1
Auf einem einfallslosen, dunkelgrauen Hintergrund, ein aschgrauer Baum. Kein Blatt ziert dessen kahle Äste. Darunter ist in einer schnörkellosen, grünen Schrift zu lesen:
Frei 0

Update
Woche 1, Montag, Joris
In Joris’ Blick spiegelte sich eine Mischung aus Ungeduld und Irritation wider, wie er – auf der Kloschüssel sitzend – das ekelhaft mit verschmierten Fingerabdrücken übersäte Display seines Handys anstarrte. Dort, wo sonst sein täglicher Feed mit auf ihn zugeschnittenen News, seinen Terminen, Aufgaben und Erinnerungen aus vergangenen Tagen angezeigt werden sollte, erblickten seine geröteten Augen seit mehreren Minuten nur besagten, aschgrauen Baum.
Er war das Erste, was sich heute kurz nach dem Aufwachen in seine Netzhaut brannte. Der aschgraue Baum, welchen er noch sehr oft zu sehen bekommen sollte und mit welchem das Schicksal nun seinen Lauf zu nehmen begann.
Zu dem Zeitpunkt glaubte Joris noch, sein Telefon sei mal wieder beim Aktualisieren des Betriebssystems, ließ es auf der Glasplatte des Nachttischs liegen, stieg die metallene Wendeltreppe ins Erdgeschoss seines Hauses hinunter und bereitete sich dort in der offenen und bestens eingerichteten Küche entspannt sein Frühstück zu. Selbst beim Schlemmen desselbigen fehlte ihm das Gerät nicht sonderlich. Im Gegenteil: er genoss es überaus, sich ohne jede Ablenkung ganz den verschiedenen Aromen zu widmen. Der etwas bittere Kaffee, die etwas salzigen Croissants, auf welchen der Geschmack der Butter, seiner Meinung nach am besten zur Geltung kam. Die etwas saure Kirschmarmelade. Dann die etwas scharfe Wurst zusammen mit dem etwas zu rezenten Käse und zum Abschluss das definitiv viel zu süße Baklava. Nur gelegentlich schweiften seine Gedanken ab und er erinnerte sich an den Baum. Mehr in Vorfreude als in Sorge, denn Updates hatten was von Weihnachten: Sie bescherten meist spannende, neue Funktionen.
Wäre es ein normaler Morgen gewesen, ein Morgen ohne den aschgrauen Baum, dann hätten die kulinarischen Eindrücke unter den von intelligenten Algorithmen für ihn zusammengestellten Informationen über Architektur, Kultur, Politik und News aus dem In- und Ausland sowie einem Schuss Klatsch und Tratsch fundamental gelitten. Bemerkt hätte Joris dies kaum, da er abgelenkt durch die unzähligen Bilder, rasanten Videos und fragmentarischen Texte die Speisen unaufmerksam in seinen Mund geschoben hätte. Unbeachtet wären sie dort – einem Schredder ähnlich – zerhackt und anschließend auf ihre lange Reise durch den Verdauungstrakt geschickt worden. Dass es kein normaler Morgen zu werden schien, fing er noch mit dem letzten Bissen Baklava im Mund zu ahnen an, wie er den Laptop einschaltete und auch dort nichts anderes zu Gesicht bekam als den kahlen Baum: Frei 0. Damit war seine anfängliche Hoffnung, es handle sich um ein Update, passé. Weggeblasen die vorweihnachtliche Freude. Irgendetwas Verstörendes war im Gange und er hätte gerne nachgeforscht, ob andere Ähnliches berichteten, beziehungsweise Samira oder Klaus auf der Arbeit eine Nachricht gesendet. Nichts zu machen. Was ihm als Option blieb, war TV oder Radio. An ein nicht sonderlich wendiges Schiff erinnernd, manövrierte er um die Kochinsel in das sonnendurchflutete Wohnzimmer. Wenigstens schien das Wetter verheißungsvoller an diesem Morgen.
Beim Einschalten des Entertainmentsystems bestätigte sich seine dunkle Vorahnung: Auf dem gigantischen Schirm prangte ein monströser, aschgrauer Baum. Er wirkte bedrohlich in der gestochen scharfen Bilddichte des High-End-Displays. Kein Ton. Das Wechseln der Sender oder Umschalten auf das Radio war unmöglich. Es herrschte der Baum. Unbeeindruckt davon, welche Taste der Fernbedienung er wie oft betätigte. «Gäbe es doch noch terrestrisches Radio und Fernsehen!», dachte er genervt. Doch beides fiel schon vor Jahrzehnten der Digitalisierung anheim. Genau wie das Festnetztelefon, welches viele nur noch vom Hörensagen her kannten, das sich nun aber als wahrer Segen erwiesen hätte. In Joris Bauch rumorte es gefährlich. So hastig er konnte, stieg er die zwischen Wohnzimmer und Küche freistehende Treppe hoch, um das große Bad mit einem Zwischenhalt im Schlafzimmer, wo er sich das Handy schnappte, aufzusuchen.
Da saß er nun auf der Kloschüssel, starrte konsterniert auf das verschmierte Display und versuchte mit einer aufsteigenden Resignation das Gerät durch jegliche erdenkliche Tastenkombination der drei vorhandenen Drucktasten, Manipulation auf dem Display sowie verzweifeltes Anbeten und gutes Zureden in seinen normalen Betriebsmodus zu versetzen. Drücken, Schieben, Klopfen, Pochen, Hämmern, Flüstern, Bitten, Verfluchen, Anschreien: alles ohne Erfolg. Der Bildschirm präsentierte weiter nur den aschgrauen Baum, der ihn zu verhöhnen schien. Selbst wenn es ihm gelang, das Gerät durch langes Drücken des Einschaltknopfs neu zu starten, war alles, was ihn ein paar Sekunden später abermals narrte, besagter Baum. «Drauf geschissen, es gibt Wichtigeres», murmelte er und ließ seinen Worten Taten folgen.

[…]


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