Nordseeküste, mitten im Sommer. Drei Jungen. Eine Mutprobe. Und ein Anblick, der alles verändert.
In der Dunkelheit des alten Sieltunnels glitzert zwischen nassem Stoff ein Auge – starr, still, unübersehbar. Sie rennen – und sagen bis zum nächsten Morgen kein Wort.
Was später geborgen wird, gibt Rätsel auf: Eine Frau. Ein Zettel, versteckt am Körper. Und ein Zeichen, tief in die Haut gebrannt.
Für Hauptkommissarin Kati Lindberg beginnt ihr erster Fall an der Küste mit einer Warnung: Etwas ist zurück. Etwas, das lange verborgen war. Und nun ans Licht will. Und jemand ist entschlossen, die Vergangenheit offenzulegen – auf brutalste Weise.
Während weitere Tote auftauchen, verstörend inszeniert, erkennt Kati: Die Botschaften folgen einem System. Sie sprechen von Schuld. Vom Schweigen. Und von etwas, das nie hätte geschehen dürfen.
Ein Nordseekrimi wie eine Sturmfront – rau, präzise und voller psychologischer Wucht. Für alle, die bei Krimis nicht nur miträtseln, sondern mitfühlen.
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Leseprobe
Das Unkraut stand hüfthoch und dorniges Gestrüpp kratzte an ihren Waden.
Sie stolperte durch das wuchernde Grün, eine Hand an der Seite, dort, wo der Schmerz pulsierte wie eine zweite Herzschlagader. Ihr Atem brannte in der Kehle, warm und scharf. Vor ihr lag der verwilderte Garten eines alten Gehöfts – oder das, was davon übrig war: ein eingefallener Holzschuppen, ein zerbrochener Wassertank und ein Stück rostiger Maschendrahtzaun, das schräg in die Erde ragte.
Sie wusste nicht mehr, wie lange sie schon unterwegs war. Minuten? Eine Stunde? Die Sonne stand noch hoch und blendete durch die Baumkronen. Der Boden war trocken, staubig und zerfurcht von Kaninchenbauten.
Sie hielt inne und lauschte.
Nichts. Kein Schritt, kein Ruf. Nur der Wind, der das hohe Gras bewegte, als würde es flüstern.
Sie presste die Lippen zusammen und spürte den metallischen Geschmack von Angst auf der Zunge. Es war ihre Entscheidung gewesen, zurückzukommen. Sie hatte geglaubt, es sei an der Zeit, etwas geradezubiegen. Es war ein Fehler gewesen – ein großer Fehler.
Ein Schatten zuckte zwischen den Ästen.
Sie wich zurück und taumelte gegen den Zaun. Draht schnitt in ihre Handfläche, doch sie spürte es kaum. Ihr Körper stand unter Strom – Schmerz, Erschöpfung und massiver Panik.
Sie sackte auf die Knie. Der Boden roch nach trockenem Heu und altem Öl.
Ein Geräusch.
Kein Tier. Kein Vogel.
Ein Knacken. Zweige. Näher als zuvor.
Sie drehte sich und schleppte sich hinter den Schuppen, wo das Gestrüpp dichter wuchs. Dornen rissen ihr die Haut auf, doch sie kroch weiter. Irgendetwas in ihr wehrte sich noch. Nicht so. Nicht hier.
Ihr war schwindlig. Der Kopf dröhnte, der Griff am Balken war alles, was sie noch hielt.
Dann eine Stimme. Leise. Nahe.
„Du hättest reden können.“
Sie erstarrte.
Keine Wut. Kein Schreien. Nur diese Worte – so ruhig, dass ihr das Blut in den Adern gefror.
Sie wollte aufspringen. Wegrennen. Irgendetwas sagen. Aber ihr Körper versagte.
Schritte.
Ein Schatten trat neben sie.
Dann – eine Berührung.
Zwei Finger unter ihrem Kinn, sanft. Fast zärtlich.
Sie wollte schreien, doch es kam kein Laut.
Ihr Blick suchte Halt. Und dann wusste sie, dass alles zu spät war.
Ein letzter Gedanke formte sich – brennend klar, als hätte er schon lange in ihr geschlummert:
Ich hätte nie zurückkommen dürfen.
[…]
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