Ausgerechnet am Ende der Welt treffen sie sich wieder. Nicht ganz zwanzig Monate sind vergangen, seit sie sich in Tibet begegneten – und einander nicht vergessen können. Ohne den Namen des jeweils anderen zu kennen, ohne die geringste Chance auf ein Wiedersehen. Schuldgefühle auf der einen Seite, Unverständnis auf der anderen – und eine unerklärliche Sehnsucht auf beiden, die nicht abnahm, sondern immer weiter wuchs. Doch als sie plötzlich völlig unerwartet aufeinandertreffen, reagieren sie beide auf die denkbar dümmste Art.
Verliebt in Neuseeland – sich fallen lassen, eintauchen, träumen, genießen, lachen und lieben. In »Ausgerechnet am Ende der Welt« entführt Sie Lisa Torberg zum dritten Mal auf die Stardust Station auf der Südinsel Neuseelands. Die Schaffarm der Weddings mit ihren saftiggrünen Weiden, von denen man die grasenden Schafe pflücken kann. Dort, wo die hellsten Sterne des Himmels das Kreuz des Südens bilden und Träume so nah sind, dass man nur die Hand ausstrecken muss, um sie festzuhalten.
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Kennenlernen: Lisa Torberg
Leseprobe
Die Himalaya, Little Tibet
Leh, Unionsterritorium Ladakh
Riley zitterte am ganzen Körper. Thomas zog sie mit festem Griff noch näher an sich heran und vergrub sein Gesicht in ihrem Haar. Ihr war kalt – und er war glücklich. Er war ein schlechter Mensch. Nicht. Normalerweise nicht. Nie. Grundsätzlich nie. Das hier war eine neue Seite an ihm, die ihm Angst machen sollte. Doch das Gegenteil war der Fall. Er mochte es. Nein, falsch. Er mochte sie. Seit sie vor drei Tagen am Ufer des Pangong Tso in sein Blickfeld geraten war, war etwas mit ihm geschehen, was er nicht benennen konnte.
Sie hatte einen weißen Yak gestreichelt, die bunte handgewebte Decke auf dem Rücken des tibetischen Rindes bewundert und sich dabei mit dem Besitzer des Tiers unterhalten. Ihre zu einem wilden Durcheinander hochgesteckten roten Locken und die grünen Augen hatten seinen Blick auf sich gezogen. Auf viertausenddreihundert Metern Meereshöhe in der Himalaya-Region, wo die ungeteilte Aufmerksamkeit aller dem riesigen Salzsee und den Berggipfeln rundum galt, hatte ihn eine Backpackerin abgelenkt. Bis ihn, wie es auf dieser Reise durchs majestätische Himalaya-Massiv ständig geschah, ein Alleinreisender gebeten hatte, ein Foto von ihm vor dem See zu schießen. Als Thomas sich wieder umgesehen hatte, war die Frau verschwunden gewesen.
Auf dem Chang La Pass hatte er sie wiedergesehen – dreieinhalb Stunden später. Zuerst war ihm die professionelle Kamera aufgefallen, hinter der sie sich versteckte. Dann hatte sie sich umgedreht und er freie Sicht auf ihre perfekten Rundungen gehabt. Die des verlängerten Rückens, wie seine Mum einen weiblichen Hintern bezeichnete. Bei Männern nannte Patricia Wedding die Dinge hingegen unverblümt beim Namen. Er hatte also tatsächlich an seine Mutter gedacht, während er die Rothaarige beim Fotografieren der bunten Gebetsfahnen über den schneebedeckten Hügeln in fünftausenddreihundert Metern Höhe beobachtet hatte und dabei überlegte, wie er sie ansprechen konnte. »Hey, sieht so aus, als hätten wir denselben Weg«, war zwar nicht einfallsreich, aber die Wahrheit. Er war also, die Hände gewollt lässig in den Hosentaschen, langsam auf sie zugegangen. Zu langsam. Er war fast am Ziel, als sich ihm ein schlaksiger, vollbärtiger Typ mit ungepflegten langen Haaren in den Weg gestellt und besitzergreifend einen Arm um ihre Schultern gelegt hatte. Sie hatte die Kamera sinken lassen, sich weggeduckt, entschuldigend gelächelt, einen Schutzdeckel auf das Objektiv gedrückt – und sich abgewandt. Der Typ war ihr auf dem Fuß gefolgt. Thomas hatte den beiden hinterhergesehen. Sie waren mit drei anderen Kerlen, die allesamt aussahen, als ob sie die Zweitbesetzung im Musical Jesus Christ Superstar wären, in einen SUV gestiegen und davongefahren.
Erst als sein Atem zunehmend flacher geworden war und ein Stich seine Schläfe durchbohrte, hatte er sich bewegt. Kopfschmerzen waren eines der Anzeichen, dass man die ungewohnte Höhe nicht vertrug, bekam man hier ständig vorgebetet. Der Vermieter des winzigen Zimmers direkt am Pangong Tso, dem Salzsee in dem von verschiedenen Staaten umstrittenen Gebiet des historischen Tibet, wo er übernachtet hatte, hatte ihn eindringlich gewarnt, nicht länger als zwanzig Minuten auf dem Pass zu bleiben. Er hatte genickt und innerlich den Tibetaner belächelt, der politisch gesehen eigentlich Inder war und es sicher gut meinte. Thomas war kein Durchschnittstourist, kein Großstädter, der sein normales Umfeld bestenfalls einmal im Jahr gegen unberührte Natur tauschte. Er lebte auf der Stardust Station mitten in der Natur der Südinsel Neuseelands und verbrachte den Großteil eines jeden Tages rund ums Jahr im Freien. Allerdings nicht auf weit über fünftausend Metern Meereshöhe. Sein Hirn hatte eindeutig zu wenig Sauerstoff abbekommen, war ihm klar geworden, als er mit dem Motorrad, das er eigens für diesen zweitägigen Trip gegen den Leihwagen ausgetauscht hatte, über die staubige Fahrbahn zweitausend Höhenmeter abwärts nach Karu fuhr. An der Militärbasis, die bis auf drei oder vier weitere Häuser den gesamten Ort ausmachte, hatte er nach dem Besitzer des Motorrads gefragt und seinen Wagen wiederbekommen. Der war keinen Kilometer bewegt worden und sein Gepäck lag unberührt genau so im Kofferraum, wie er es zurückgelassen hatte. Nach unzähligen beiderseitigen Verbeugungen zwischen dem indianischen Soldaten und ihm war er weiter in Richtung Leh und zu dem Eco-Resort gefahren, das er Wochen zuvor gebucht hatte. Die Vorfreude auf Seife und warmes Wasser auf seinem Körper hatte ihn angetrieben.
Die Cabins genannten kleinen Lehmhäuser waren willkürlich auf dem Gelände des kleinen Eco-Resorts verteilt, das sich mit seinen Pflanzen, den niederen Bäumen und einer hölzernen Brücke, die sich über einen winzigen Teich spannte, unerwartet grün von der kargen Landschaft absetzte. Doch nicht deshalb war ihm die Reisetasche aus der Hand gerutscht. Daran war einzig die Frau mit dem riesigen Backpacker-Rucksack und den wild auf dem Kopf festgesteckten roten Haaren schuld, die verzweifelt auf eine winzige Tibetanerin einredete und dabei auf ihr Handy deutete. »Aber die Reservierung wurde bestätigt.« Ihr Gegenüber hatte sich verbeugt und entschuldigt und wieder die Hände vor der Brust aneinandergepresst und den Kopf geneigt. »Es tut mir leid, Miss, wie ich schon sagte. Sie haben Ihre Kreditkartennummer nicht angegeben, daher hätten Sie bis sechs Uhr anreisen müssen. Sehen Sie hier.« Die Angestellte des Eco-Resorts hatte auf das Display gedeutet. »Das Zimmer wurde vor einer halben Stunde vergeben. Jetzt ist es bereits halb acht und dunkel. Verstehen Sie bitte.« Thomas hatte seine Tasche wieder hochgehoben und sich den beiden Frauen genähert. »Kann ich vielleicht irgendwie helfen?«
Sie hatte sich ihm zugewandt – und er hatte die indische Tibetanerin ausgeblendet. Eine Minute später wusste er, dass die Amerikanerin, die er dank seiner Reise durch die Vereinigten Staaten mit seinem Bruder Samuel sprachlich zwischen New York und Neuengland einordnete, Riley hieß – und er in ihrer unmittelbaren Nähe nicht klar denken konnte. Sie hatte Sommersprossen auf der Nase und den Wangenknochen, einen Leberfleck oberhalb eines Mundwinkels, und ihre Augen waren nicht einfach grün. Je nach Lichteinfall leuchteten darin kupferbraune oder honigfarbene Funken auf. Drei oder vier Minuten darauf hatte die Hotelangestellte nicht nur ihn, sondern auch Riley registriert. Wobei er sich lediglich erinnerte, dass er ein Formular unterschrieben hatte, ohne den Text zu lesen, und nichts weiter mitbekommen hatte. Weitere fünf Minuten später hatte er Riley die Tür zu seiner Unterkunft geöffnet und ihr die Entscheidung für eines der beiden breiten Betten überlassen.
Gebraucht hatten sie nur eines. Stunden später hatte er erfahren, dass sie sich von ihrer Fahrgemeinschaft getrennt hatte und daher ohne Fahrzeug war – was einfach nur perfekt war. Für ihn. Nach einer unbeschreiblichen Nacht mit zu wenig Schlaf waren sie mit seinem Leihwagen zum Mulbekh Monastery gefahren und hatten den in den Stein gehauenen neun Meter hohen Maitreya Buddha bewundert. Gestern, nach ihrer zweiten gemeinsam verbrachten Nacht, waren Sie losgefahren, bis sie endlich eine Ziegenherde der Gattung Capra hircus entdeckt hatten. Mit Händen und Füßen hatte Riley dem Nomaden, seiner Frau und den Kindern erklärt, dass sie Fotos von ihm und seinen Tieren machen und dafür bezahlen wollte. Kaschmirziegen waren für die Bewohner des indischen Unionsterritoriums Ladakh auf dem historischen Gebiet Tibets, das bis wenige Jahre zuvor Teil des Staats Jammu und Kaschmir war, natürlich nichts Besonderes. Doch die Hirten kannten ihren Wert für die vielen Touristen aus aller Welt. »Die Ziegen sind wunderschön«, hatte Riley mit einem tiefen Seufzer gesagt. Thomas war davon überzeugt, dass der Hirte keine Schulbildung hatte und tatsächlich kein Englisch verstand, doch Rileys Tonfall in Verbindung mit den Dollarscheinen, die sie dem Mann vors Gesicht gehalten hatte, waren unmissverständlich gewesen. So wie ihre unglaublichen Kurven, die sich nun an seinen Körper schmiegten, als ob sie beide Puzzleteilchen wären, die das perfekte Gegenstück gefunden hätten.
»Ist dir immer noch kalt?« Er hob ihre weichen und zugleich störrischen Locken hoch, die ihr Ohr, den Hals und den Nacken bedeckten, und legte seine Lippen an die Stelle, wo ihre Halsschlagader pochte.
»Eiskalt.« Rileys Zähne schlugen aufeinander.
»Aber du musstest mitten in der Nacht draußen fotografieren?«
Sie drehte sich in seinen Armen so weit herum, dass sie ihn ansehen konnte. »Um fünf Uhr ist es bereits früher Morgen, Thomas. Und die Antwort lautet ja, aber das wusstest du schon. Das Licht, das die scharfen Kanten der Gebirge in diesen gelblich-rosa-violetten Schattierungen weichzeichnet, gibt es nur um diese Uhrzeit.«
»Bei zwei oder drei Grad.«
Sie lachte bibbernd auf. »Egal bei welcher Temperatur. Würde ich im Winter wiederkommen, wären es minus zwanzig.« Sie zwinkerte ihm zu. »Ich war fast einen Monat im Süden. Vermutlich war es ein Fehler, direkt von Bangalore hierher zu fliegen, aber ich hatte, wie du auch, keine Wahl. Zwischen dem chinesischen Visum, der Einreisegenehmigung für Tibet und dem indischen Inner Line Permit für den Chang La muss man reisen, sobald man alle Genehmigungen beisammenhat.«
»Hinter deiner Fassade versteckt sich wahres Organisationstalent, Miss Backpacker. Erstaunlich, dass du in deinem riesigen Rucksack keine Medizin gegen das Frösteln hast.«
»Dafür habe ich ja dich, Mister Neuseeland.«
»Das ist der Grund, weshalb du nicht herumgezickt hast, als ich dir das zweite Bett in meinem Zimmer angeboten habe?«
Riley schlang die Arme um seinen Hals und wisperte so nah an seinen Lippen, dass er Gänsehaut bekam. »Soll ich das andere Bett endlich einweihen und die Decke testen, oder willst lieber du mir wieder einheizen?«
Thomas erinnerte sich nur vage, wie oft und auf wie viele Arten er Riley daraufhin gezeigt hatte, was man gegen das Frösteln tun konnte. Als er aufwachte, hatte er jedoch nicht nur eine, sondern unzählige Ideen, was er ihr für den heutigen Tag vorschlagen konnte. Und für den morgigen. Und für den danach. Beide hatten sie die nötigen Genehmigungen, um noch mindestens eine Woche hierbleiben zu können. Gemeinsam. Und er hatte vor, jede Sekunde auszukosten und die Zeit zu nutzen, um mehr von ihr zu erfahren. Denn bisher hatten sie über Tibet und diese Reise und Buddhismus und all die komplizierten Autorisationen der verschiedenen Staaten gesprochen, die man in der Himalaya-Region benötigte, aber nicht über ihr normales Leben. Ihre Arbeit. Ihre Familien. Und das Heimatland des anderen kannten sie lediglich aufgrund der Reisepässe, die sie bei der Anmeldung vorgelegt hatten. Geschlossen. Was bedeutete, dass nur die winzige Frau, die sie registriert hatte, ihre Nachnamen kannte. Thomas würde damit beginnen, Riley endlich seinen zu sagen, der erfahrungsgemäß bei allen, die englisch sprachen, für ein Lachen sorgte. Und dann würde er ihr seine Handynummer geben und ihre abspeichern. Sicherheitshalber würde er sie auch per Mail an sich selbst schicken, falls er das Handy verlieren sollte. Auf Reisen war alles möglich, das hatte er immer gewusst. Nicht jedoch, dass man einen Menschen kennenlernen konnte und unerklärliche, eigenartige Gefühle entwickelte. Riley war Amerikanerin, lebte Zigtausende Kilometer und mehrere Ozeane entfernt, aber er konnte sie nicht einfach gehen lassen und vergessen. Allein beim Gedanken daran zog sich seine Brust schmerzvoll zusammen, was ihm noch nie passiert war. Er wollte nicht über die Bedeutung dieses unangenehmen Stechens und Ziehens nachdenken, ahnte jedoch irgendwie, dass es etwas mit seinem Herzen zu tun hatte.
Thomas erwachte – und im selben Moment wurde ihm schlagartig bewusst, dass etwas fehlte. Wärme. Er riss die Augen auf. Riley lag nicht neben ihm. Vielleicht war sie im Badezimmer? Er streckte den Arm aus – und begriff. Das Kopfkissen und das Laken neben ihm waren kühl. Zu kühl. Beunruhigt setzte er sich im Bett auf und sah sich im Zimmer um. Seine Boots standen einsam an ihrem Platz und an der Garderobe darüber hing einzig seine Jacke. Sein Blick glitt weiter durch den Raum.
Rileys Backpacker-Rucksack und auch der kleinere Fotorucksack, den sie damit verbinden konnte, waren nirgendwo zu sehen.
Riley war verschwunden.
Am Nachmittag begriff er endlich, dass sie nicht mehr wiederkommen würde – und er absolut keine Möglichkeit hatte, sie zu finden.
[…]
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