„Der Agron Clan“ von Olaf Maly


Eine Kommissar Wengler Geschichte

Ein Clan treibt sein Unwesen in München. Das ist in den großen Städten nichts Besonderes, solange nichts passiert, was die Ruhe der anständigen Bürger stört. In diesem Fall geht unserem unermüdlich für die Gerechtigkeit und Sicherheit der Münchener zuständigen Kommissar Herbert Wengler die Sache ein wenig zu sehr unter die Haut. Vielleicht ist es auch sein Alter, das ihn weniger kompromissbereit erscheinen lässt als in früheren Jahren.

Auch sein Assistent, Armin Staller, wird auf eine Art und Weise tief in diese Angelegenheit hineingezogen, die er mit Sicherheit so nicht wollte. Es gelingt gerade noch, ihn aus dem Strudel der Machenschaften unbeschadet herauszuholen. Es war die letzte Minute. Sowohl für den Kommissar als auch für Armin wird diese Geschichte weitreichende Konsequenzen haben.

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Kennenlernen: Olaf Maly

Leseprobe

Der Tote war ein junger Mann. Er war bekleidet mit einer dunklen Trainingshose und einem grauen Kapuzenpullover. Bekleidung, die man heutzutage an fast neunzig Prozent der jungen Leute findet. Dazu trug er hohe, rote Turnschuhe oder Sneakers, wie man heute sagt. Das Einzige, was nicht bedeckt war, war sein Gesicht. Das jedoch war von den Schlägen, die er abbekommen hatte, blutig und vollkommen zerstört. Man konnte weder Augen noch Mund oder Nase ausmachen. Da hatte jemand volle Arbeit geleistet, den Toten unkenntlich zu machen.

„Is er an die Schläg g’storben, Herr Doktor?“
„Das kann ich bis jetzt nicht sagen, aber es hat zumindest geholfen. Wenn ich was…“
„Ja, versteh schon. Hab ja nur g’fragt.“

Nach seiner kurzen Unterredung mit der Gerichtsmedizin sah sich der Kommissar im Raum um, in dem sie standen. In einer Ecke, zusammengesunken in sich selbst, sah er den Karl Josef Vierlinger auf einer Bank sitzen. Er kannte ihn gut, wenn er auch nie etwas mit ihm direkt zu tun hatte. Die Blicke der beiden trafen sich, was Kommissar Wengler dazu brachte, zu ihm zu gehen und sich neben ihn zu setzen.
„Tscharlie, was is passiert?“
Es gab nicht viele, die ihn so nennen durften. Herbert Wengler war einer der wenigen. Sie kannten sich seit ewigen Zeiten. Schon als Herbert Wengler noch Streife fuhr, begegneten sie sich immer wieder. Nicht unbedingt, dass einer den anderen eingeladen hätte. Das ganz bestimmt nicht. Eigentlich hatten sie nur beruflich miteinander zu tun. Herbert Wengler als Polizist und Karl Josef Vierlinger als Delinquenten. Allerdings nur für kleine Sachen, die ihm meist nur ein paar Monate auf Bewehrung einbrachten. Mord, oder Gewalttaten an sich, waren nie in seinen Akten. Daraus wurde über die Jahre so etwas wie eine Art Freundschaft. Nicht unbedingt so, wie man sich das vorstellt, wenn man befreundet ist und zusammen ein Bier trinken geht. Oder sich zu Hause auf der Couch zusammen ein Fußballspiel ansieht. Vielleicht auch Trauzeuge wird oder Pate der Kinder. Mehr so wie gegenseitiger Respekt für das, was der andere machte, ohne sich wirklich dafür zu interessieren. Manchmal bekam Kommissar Wengler von ihm Hinweise aus dem Milieu. Anonym, nie direkt, aber immer in einer Art, dass er sehr wohl wusste, wer es war.

„Woher soll ich des wissen, Herbert? Ich bin kommen und hab des g’sehn. Dann hab’ ich euch ang’rufen und jetz bist du da. Wie geht’s dir eigentlich? Hab dich ja Jahre nicht g’sehn.“
„Weil ich in der Mordkommission bin und du Gott sei Dank nie einer von meine Kunden warst. Ich hoff, des bleibt auch so. Wenn du was mit dem da zum Tun hast, sag mir des gleich, weil da könnt ma uns an Haufen Arbeit spar’n.“
Karl Josef Vierlinger sah Herbert Wengler eingehend an.
„Herbert, jetz bin ich aber schon total enttäuscht von dir. Du glaubst doch nicht…“
„Tscharlie, ich muss dich des fragen. Berufsmäßig, verstehst? Ich glaub gar nix. Wenn ich was glauben will, is des in der Kirch, und da geh ich nicht hin. Ich brauch Fakten, damit ich den, der des g’macht hat, von der Straßen holen kann. Und wenn wir dich ausschließen können, umso besser.“
„Da hamma was gemeinsam. Ich mein des mit dem Glauben und der Kirch. Aber wer des war, da hab’ ich keine Ahnung.“
„Aber du kennst den, der da liegt?“
„Herbert, ich kenn an jeden, der hier wohnt und vor allem, der hier trainiert. Ich hab des zu meiner Lebensaufgabe g’macht, dass ich dene Burschen helf. Rausholen will ich sie, aus dem Sumpf, in dem die stecken und für den die nix können. Die ham sich des nicht ausg’sucht, wo die wohnen und wie die leben müssen, des kannst mir glauben. Und wenn man dene nicht hilft, versaufen die da drin. Dann hast wieder a paar Kunden mehr.“
Beide sahen sich an und sagten für eine Weile kein Wort. Kommissar Wengler wusste, was Karl Josef Vierlinger machte, und er beneidete ihn nicht. Und er hatte Respekt vor ihm. Er wusste, wie diese Menschen, die keine Heimat mehr hatten, leben müssen. Sie waren gestrandet, ohne dass sie etwas dafür konnten. Man hatte sie aus ihrer Umgebung herausgerissen und in ein fremdes Land gebracht, in dem sie nicht die Sprache verstanden und auch nicht verstanden wurden. Keiner kümmerte sich um sie, außer dass man ihnen Geld gab, um zu überleben. Ansonsten überließ man sie ihrem Schicksal, für das sie nichts konnten.
Nach einer Weile stand Herbert Wengler auf und sah auf Karl Josef Vierlinger herunter, der in sich versunken auf der Bank sitzen blieb.
„Und, wer is des, Tscharlie? Red mit mir.“
Karl Josef Vierlinger holte tief Luft und fing an zu reden, ohne den Kommissar anzusehen. Sein Blick war auf den blanken Betonboden gerichtet, seine Hände stützten den Kopf. Er war sichtlich erschrocken und vielleicht sogar ein wenig verzweifelt. Vielleicht dachte er daran, versagt zu haben, da er genau das, was jetzt eingetreten war, eben nicht wollte. Die letzten Jahre waren schwierig, sehr schwierig. Viele kamen aus dem Osten, sprachen kein Wort Deutsch und sahen nur Verachtung in den Gesichtern der Menschen, denen sie begegneten. Alles, was sie wollten, war ein neues, anderes Leben. Eines, in dem man sich auch einmal etwas außer dem Nötigsten zum Leben leisten konnte. Es wurde ihnen nicht gegönnt. Dann sah er nach oben, ins Gesicht von Kommissar Wengler, der immer noch vor ihm stand.
„Luca heißt er. Luca Kovac. Wir nennen ihn Lukas, des klingt mehr deutsch und des hat er so wollen.“

[…]


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