Violet hatte sich ein anderes Leben erhofft, als in einem maroden Gebäude ein ärmliches Dasein zu fristen. Seit ihrem gesellschaftlichen Abstieg finanziert ihr Bruder, der Viscount, ihr Auskommen durch Raubüberfälle.
Als ein Gläubiger ihn während eines Überfalls erkennt, wird Violets größte Angst Realität. Zwar gelingt es dem Viscount, ihn zu überwältigen, doch sieht er sich gezwungen, den gefesselten Mann bei ihr zurückzulassen, während er das Diebesgut veräußert. Violet ist fasziniert vom Feind des Bruders; der attraktive Earl übt eine enorme Anziehung auf sie aus, der sie nicht widerstehen kann. Sie ignoriert die Anordnungen ihres Bruders und nähert sich dem Mann an. Violet plant, mit dem Earl eine Vereinbarung zu treffen, um den geliebten Bruder zu retten. Der Earl ist hartnäckig und unterbreitet stattdessen ihr ein Angebot, das sie ins Wanken bringt, aber kann sie ihm trauen?
Violet steht vor der Wahl zwischen der Loyalität zu ihrem Bruder und der Verlockung, die der Earl auf sie ausübt. Sie ahnt nicht, dass noch weitaus schwerwiegendere Entscheidungen auf sie warten.
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Kennenlernen: Emilia Doyle
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Ein einzelner Reiter näherte sich und es handelte sich tatsächlich um ihren Bruder. Doch wo waren die anderen? Nicht, dass sie deren Verbleib wirklich interessierte. Sie hastete zur Tür und riss sie ungestüm auf, das altersschwache Konstrukt gab dabei ein bedenkliches Knarzen von sich. Dem Herrgott sei Dank, Ashton war zurück.
Ihre Erleichterung erhielt rasch einen Dämpfer, als sie den leblos anmutenden Mann entdeckte, der gefesselt quer über dem Pferderücken baumelte.
»Wer ist das?« Erschreckt riss sie die Augen auf und legte die Hände vor Nase und Mund.
»Erkläre ich dir später! Hilf mir lieber!«, drängte Ashton.
Violet schluckte, aber tat, was er sagte. Gemeinsam hoben sie den Bewusstlosen vom Pferd und trugen ihn ins Haus. Offensichtlich handelte es sich um einen Gentleman aus der besseren Gesellschaft. Doch warum brachte Ashton ihn gerade hierher, in ihren geheimen Unterschlupf? Der Mann hatte eine leichte Kopfverletzung, wie eine getrocknete Blutspur an seiner Schläfe verriet. Ein leises Stöhnen entglitt seinen Lippen, als sie ihn auf die Pritsche legten.
Violet betrachtete fasziniert sein Gesicht. Markante Wangenknochen, eine glattrasierte, ausgeprägte Kinnpartie und gleichsam geschwungene Lippen. Fast bedauerte sie, die Farbe seiner Augen nicht sehen zu können. Er musste etwa in Ashtons Alter sein, höchstens zwei oder drei Jahre älter, und er sah attraktiv aus, verdammt attraktiv. Ein ungewohntes Flattern machte sich in ihrem Magen bemerkbar, während ihr Blick über seinen Körper wanderte. An seiner eleganten Kleidung erkannte sie, dass er wahrscheinlich zu den Gästen von Lady Croffords Ball gehörte.
Hut oder ein Mantel fehlten seinem Erscheinungsbild, ansonsten trug der Mann eine cremefarbene bestickte Weste über einem schneeweißen Rüschenhemd, dazu eine schwarze Hose, die sich eng um muskulöse Oberschenkel spannte, sowie schwarze glänzende Stiefel.
»Was tust du?«, keuchte sie entsetzt, als sie bemerkte, dass ihr Bruder begann, ihn zu entkleiden.
»Ich brauche seine Sachen«, lautete die harsche Antwort. Ashton sah über seine Schulter und Violet entging nicht, dass er gehetzt wirkte. »Geh und hol eine Decke.«
Für den Moment war sie zu verstört, um Fragen zu stellen, und folgte nur seiner Anweisung. Als sie zurückkehrte, sah sie die Kleidung des Mannes auf dem Boden liegen.
Ungläubig starrte sie auf den unordentlichen Haufen, als Ashton ihr forsch die alte Wolldecke entriss und den Mann damit bedeckte. Violet beobachtete sprachlos, wie er den hilflosen Unbekannten an seinen Hand- und Fußgelenken an die Pritsche fesselte und den Halt der Stricke überprüfte. Zufrieden mit sich selbst erhob er sich und kam auf sie zu.
Violet hatte so viele Fragen, dass sie nicht wusste, welche sie zuerst stellen sollte und ihn nur fassungslos anstarrte.
»Sieh mich nicht so an!« Ashton wich ihrer stummen Musterung aus. »Ich hatte keine Wahl.« Er stieß den Atem aus und fuhr sich mit den Fingern durch sein vom Reiten ohnehin zerzaustes Haar.
»Was hast du mit ihm vor?«, brachte Violet schließlich heraus. Sorge breitete sich in ihr aus, zum einen wegen des bedauernswerten Unbekannten, zum anderen um ihren geliebten Bruder, der inzwischen unruhig durch den Raum tigerte. »Was hat das alles zu bedeuten?« Sie konnte nicht verhindern, dass ihre Stimme zitterte.
Ashton war kein gewalttätiger Mensch, weshalb sie sein Verhalten nicht mit dem bewusstlosen Mann in Verbindung bringen konnte. Einen Moment hielt Ashton inne und starrte mit leerem Blick vor sich hin, bevor er anfing, seine eigene Kleidung abzulegen und die des anderen anzuziehen.
»Wir müssen hier weg, so bald wie möglich.« Mit offenem Hemd hastete er in den Nebenraum und kehrte mit einem großen Beutel zurück, den er auf dem Boden ausleerte. Es handelte sich um edles Geschmeide, mit Diamanten und Juwelen besetzte Schmuckstücke und Colliers, Broschen, Armreifen und Ohrringe, aber auch wertvolle Taschenuhren. Beute aus diversen Raubzügen. »Such dir aus, was dir gefällt.« Er hielt ihr ein Paar Rubinohrringe mit dazu passender Halskette entgegen. »Das hier würde wunderbar zu deinem dunklen Haar passen.«
Violet schaute beiläufig auf die Schmuckstücke in seiner Hand. Sie waren wirklich wunderschön, doch der Gedanke, dass sie einer anderen Frau unrechtmäßig entwendet worden waren, schnürte ihr beinahe die Kehle zu.
»Ich will nichts von alledem. Ashton, ich möchte wissen, was los ist?« Sie war kurz davor, ihren Bruder an den Schultern zu packen und zu schütteln.
»Ich lasse sie zurück, vielleicht überlegst du es dir doch noch anders. Es wird das Einzige sein, das ich dir jemals bieten kann«, entgegnete er ungeachtet ihrer Worte und stopfte sich die besonders wertvollen Stücke in die Taschen.
Langsam überkam sie die Wut. »Du sagst mir jetzt augenblicklich, was passiert ist.« Sie stemmte die Hände in die Seiten und funkelte ihn verärgert an. Endlich schien sie zu ihm durchzudringen.
Resigniert ließ er die Hände sinken und schaute sie aus traurigen Augen an. »Es tut mir leid, kleine Violet. Ich habe im Leben alles falsch gemacht, aber ich habe unserer Mutter versprochen, mich um dich zu kümmern, und ich halte mein Versprechen. Ich werde dich zu Tante Florence bringen, damit du in Sicherheit bist. Für mich hingegen gibt es keine Rettung mehr.« Sein Blick fiel auf den gefesselten Gentleman, der immer noch bewusstlos dalag. »Er hat sich zur Wehr gesetzt, als ich ihn ausrauben wollte. Dabei ist meine Maske verrutscht und er hat mich erkannt.«
Violets Augen weiteten sich angstvoll, als sie in das Gesicht ihres Bruders blickte.
»Bist du dir ganz sicher?«
»Ja, leider. Gestatten, dass ich ihn dir vorstelle«, sagte er voller Ironie. »Vincent Sheridan, der Earl of Cunningham.«
[…]
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