Lisa Torberg entführt in diesem Roman zum zweiten Mal auf die Südinsel Neuseelands, auf die Farm der Weddings mit ihren saftig grünen Weiden, von denen man die grasenden Schafe pflücken kann. Dorthin, wo die hellsten Sterne des Himmels das Kreuz des Südens bilden und Träume so nah sind, dass man nur die Hand ausstrecken muss, um sie festzuhalten.
Alice Collins liebt ihren Großvater aus tiefstem Herzen. Selbst jetzt, obwohl er mit einem Liegegips zu Hause im winterlich kalten Liverpool festsitzt und sie sich mit all den alleinstehenden Frauen herumschlagen muss. Die beliefern ihn mit Essen, guten Ratschlägen und verliebten Blicken. Neben ihrer Arbeit als Webdesignerin ist Alice’ einzige Ablenkung der Austausch mit Informatikern auf einer IT-Plattform. Vor allem mit einem, der ihr nicht mehr aus dem Kopf geht, seit sie einander nicht nur schreiben, sondern den Videochat nutzen. Als er ihr vorschlägt, die Website für einen Kunden zu erstellen, der darauf besteht, dass sie sich vor Ort einen Eindruck über seine Schaffarm in Neuseeland verschafft, handelt sie gegen jede Vernunft. Und das letzte bisschen davon verflüchtigt sich, sobald sie Lucas am anderen Ende der Welt gegenübersteht, der ihr Herz in Gefahr bringt. Kurz bevor er ihr gesteht, dass er sie belogen hat …
Verliebt in Neuseeland – sich fallen lassen, eintauchen, träumen, genießen, lachen und lieben.
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Kennenlernen: Lisa Torberg
Leseprobe
Liverpool, England, Church of St Matthew and St James, Mossley Hill
Die Temperatur hatte bereits am Morgen für die große Hafenstadt an der britischen Atlantikküste erstaunliche sechsundzwanzig Grad erreicht. Dennoch zitterte die Braut wie Espenlaub.
Der hauchzarte Schleier vor ihrem Gesicht bewegte sich so sehr, dass sie durch das feine Netzgewebe alles verschwommen sah. Den Priester. Den Altar. Die schneeweißen Calla-Lilien und die grünen Farnblätter des Blumengestecks. Das Schleierkraut zwischen den Blüten und Blättern, das ebenfalls zitterte. So wie der vom Bartöl glänzende Schnurrbart mit den perfekt gezwirbelten Enden des Bräutigams. Sie mochte beides nicht. Den lächerlichen altmodischen Bart und dieses Öl, das nach Tonkabohnen roch, von deren Existenz sie nichts geahnt hatte, bevor ihr Vater sie dem jungen Anwalt, dem neuesten Mitarbeiter seiner Kanzlei, wie ein saftiges Steak präsentiert hatte. Mittlerweile wusste sie nicht nur, dass diese teuren Bohnen die Samen der Früchte hoher Bäume aus Südamerika waren und nach Vanille, Bittermandeln und Süßholz rochen, sondern auch, dass sie den Geruch hasste. Fast so sehr wie die fettigen Barthaare auf ihrer Haut, wenn er, dieser Mann, den sie heiraten würde, sie vorsichtig auf die Lippen küsste. Was die bisher intimste Annäherung zwischen ihnen war. Zum Glück. Ihr Körper erstarrte schlagartig. Die Erkenntnis, dass diese Grenze sich mit ihrem Jawort auflösen würde, schlug ein wie ein Blitz – und sie tat, was ihre Eltern an ihr verabscheuten. Sie sprach ungefiltert aus, was sie dachte.
»Ich kann dich nicht heiraten, weil ich dich hasse.«
Der Brautstrauß entglitt ihren Fingern, als sie den Stoff des langen Kleides mit beiden Händen umklammerte, ihn hochzog, auf dem Absatz herumflog – und aus der Kirche floh. Vorbei an den zu dieser Hochzeit geladenen erstarrten Gästen, der sie nie eingewilligt hatte. Vor allem jedoch weg von diesem Mann – so weit wie nur möglich.
Liverpool, England, Mossley Hill – Viele Jahre später
Die intensiv nach Veilchen duftende Miss Henderson drehte sich in der offen stehenden Haustür nun bereits zum dritten Mal zu ihr um. Diesmal frontal. »Dein Großvater braucht eine Frau, die sich um ihn kümmert.« Ihre silbergrauen Löckchen bewegten sich trotz der ruckartigen Bewegung ihres Kopfes keinen Millimeter. Dafür sorgte die klebrig glänzende Schicht Haarlack.
Alice verbiss sich die harsche Erwiderung, die ihr durch den Kopf schoss. Stattdessen zwang sie sich zu einem Lächeln, darauf hoffend, dass es freundlich und nicht respektlos wirkte. »Ich bin eine Frau, Miss Henderson.«
Ein undamenhaftes Schnauben kam über die Lippen der Witwe, deren Mantel nach Mottenkugeln roch. »Sicher bist du das, aber so meine ich das nicht.«
Natürlich nicht. Alice wusste genau, was der Witwe im Kopf herumspukte. Miss Henderson hatte eine Vision, die sich mit der Vorstellung der anderen alleinstehenden Damen deckte, die sich seit Granddads Unfall die Klinke des Privathauses von Arthur Collins die Hand gaben. Sie wollten ihn.
»Mein Großvater braucht Ruhe und Sie sollten das angenehme Herbstwetter genießen.« Alice deutete mit einer ungefähren Geste nach draußen und schob die schwere Holztür ein Stück weiter zu. Der Spalt war so schmal, dass Miss Henderson gerade noch einen Fuß im Haus hatte. Die Tür berührte bereits ihre Schulter, als sie endlich begriff, dass sie keine Chance hatte. Sie ergab sich. Was auch sonst. Alle wussten, dass Alice Collins eine jüngere Version ihrer verstorbenen Großmutter war, und die hatte sich von nichts und niemandem unterkriegen lassen.
Dennoch reckte die ältere Frau das Kinn vor. »Ich komme morgen wieder.«
Alice drückte kommentarlos die Haustür zu, lehnte sich mit dem Rücken dagegen und schloss die Augen. War das ein Versprechen oder eher eine Drohung? Sie wollte lachen, aufschreien, heulen – alles zugleich. Die Henderson war nur die letzte einer langen Reihe von Frauen, die wie dicke Spinnen endlose Fäden zu Netzen woben – um ihren Großvater herum.
»Es tut mir leid, Alice.« Sie öffnete die Augen.
Arthur Collins war ein großer, schlanker Mann, der trotz seiner silbergrauen Haare und der Gesichtsfalten nicht nur athletisch wirkte, sondern im wahrsten Sinne des Wortes sportlich war. Ein Umstand, der ihm zum Verhängnis geworden war. Die beiden Krücken und der Gips, der unterhalb des aufgerollten Hosenbeins seinen rechten Unterschenkel umgab, waren der Beweis dafür. Unten ragten nur die Zehenspitzen heraus. Er belastete lediglich eine der Unterarmkrücken und balancierte auf dem unverletzten Bein im Türrahmen zur Küche, gegenüber dem kleinen Salon, wo er Miss Henderson empfangen hatte. »Ich verspreche dir, dass ich mich nicht mehr verletzen werde, wenn Edna ihren Jahresurlaub bei ihrer Schwester verbringt.«
»Falls das ein Scherz war, sag es mir, dann lache ich.« Alice sah ihn mit unbewegter Miene an.
Er zog beide Augenbrauen hoch, wie er das bei störrischen Klienten tat. Nur funktionierte sein Anwaltsblick bei ihr nicht, was sie ihm mit ihrem Blick zu verstehen gab, den er problemlos deuten konnte. Doch ebenso hätte sie gar nichts sagen können, denn natürlich ging er nicht auf ihre Bemerkung ein, als er endlich sprach. »Das ist mein Ernst, Alice. Es war ein unglücklicher Zufall, dass ich ausgerechnet am Tag nach Ednas Abreise gestolpert bin.«
Sie krümmte die Finger und grub die Nägel in ihre Handflächen. Contenance war das Zauberwort, hatte Nan immer gesagt. Doch so wie Alice jetzt war stoische Gelassenheit ihrer Großmutter mit ihrem Mann ebenfalls nie leichtgefallen. Denn sosehr sie ihn liebte, er war stur wie ein Esel und schaffte es problemlos, Tatsachen mit geschickt gewählten Worten zu verdrehen. Was jedoch nicht bedeutete, dass er bei ihr damit durchkam. »Du bist nicht gestolpert, sondern schwer gestürzt und hattest Riesenglück, dass du dir nur den Unterschenkel gebrochen hast und nicht mit dem Kopf aufgeprallt bist. Wobei ich mir da nicht so sicher bin, da du solchen Unsinn von dir gibst.«
Granddads Mundwinkel zuckten ein wenig, als ob er lachen wollte, bevor er schlagartig wieder ernst wurde. »Geh doch bitte ins Detail. Ich verstehe nicht, was du meinst.« Er starrte sie nieder.
[…]
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