„Turkana – Blutiges Afrika“ von D.W. Crusius


Ein Krankenhaus, ein Flüchtlingslager und eine Söldnertruppe – Hintergrund eines Dramas am Lake Turkana im Norden Kenias, an der Grenze zum Südsudan. In unmittelbarer Nähe des Lagers vermutet man große Vorkommen Uranerz. Eine Bergbaugesellschaft beauftragt Söldner, die Flüchtlinge zu vertreiben.

Harry Kowalski, ehemaliger Bundeswehr-Soldat, ist nach zahlreichen Afghanistan-Einsätzen als Frührentner nach Deutschland zurückkehrt. Posttraumatisches Belastungssyndrom, PTBS, sagen die Ärzte. Harry will seinen Sohn besuchen, der im kenianischen Grenzgebiet zum Südsudan als Arzt in einem Flüchtlingslager gegen Pocken, Gelbfieber und Schlangenbisse kämpft. Er reist nach Kenia und gerät in einen neuen Krieg …

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Leseprobe

Der Truppenarzt schrieb ihn dienstuntauglich und sie schickten Harry nach Hause. Eine plumpe Verdrehung der Wahrheit. Er wollte sie herausschreien, die Wahrheit, die es nach offizieller Lesart nicht geben durfte. Aufs Abstellgleis geschoben hatten sie ihn, damit ihn niemand hörte. Was sich in Afghanistan abgespielt hatte, lag zu dicht neben einer Befehlsverweigerung, und das sieht man in keiner Armee dieser Welt gerne. Soldaten sind zum Töten und Sterben da, nicht zum Denken. Auch als moralische Instanz haben sie sich gefälligst nicht zu gebärden. Dafür sind die vielen Mütter Teresas dieser Welt zuständig.
Er war ein Jahr aus Afghanistan zurück, als es ihn zum ersten Mal erwischte. Abends gegen 21 Uhr war er ziellos durch die Gegend getigert, hatte krampfhaft überlegt, wo er etwas Alkoholisches ergattern könnte. Ihm fiel nichts ein und frustriert saß er in einem kleinen Park nahe der Hansa-Allee auf einer Bank, linste zu einer Kneipe hinüber und grübelte über seine Entbehrlichkeit nach.
Gerda war nachmittags ausgezogen, der Schlussakkord ihrer Ehe. Zu ihrem Schutz, er wollte ihr nichts Böses antun. Wäre sie weiter in der Wohnung geblieben, hätte es früher oder später zwangsläufig ein Unglück gegeben. Wie ein Naturgesetz. Die Abstände zwischen seinen Depressionsschüben, er nannte sie Monsterattacken, und den darauf folgenden Alkoholabstürzen wurden immer kürzer. Verschafften ihm die Medikamente keine Erleichterung, saß er wie ein Kleinkind greinend auf dem Sofa, gemartert von Selbstvorwürfen und dachte nur an Schnaps. Die restlichen in seiner Blutbahn kreisenden Psychopharmaka und oben drauf ein Wasserglas Wodka, verpassten ihm den ultimativen Kick, der ihn für einige Stunden ins totale Vergessen katapultierte. Die Rückkehr in die reale Welt wurde mit jedem Absturz entsetzlicher.
»Wenn du bleibst, garantiere ich dir ein Unglück. Geh lieber, solange noch Zeit ist«, hatte er gesagt. »Ich bin kein menschliches Wesen, eine bösartige Waffe, ein Roboter aus Fleisch und Blut, programmiert zum Töten.«
Er redete mit schwerer Zunge, vor seinen Augen drehte sich alles und er musste sich am Tisch abstützen, wollte er nicht der Länge nach auf den Boden kippen.
Mit hängenden Armen stand sie vor ihm. In ihrem fahlem Gesicht zuckte es, als kämpfte sie mit den Tränen. Oder Ekel. Sie versuchte, die Situation zu verstehen, konnte es nicht. Niemand kann das, nicht mal ein Arzt. Wie zu einem Entschluss gekommen raffte sie sich auf, drehte sich ruckartig um und ging ins Schlafzimmer. Er hörte Schubladen knarren und die Schranktür quietschte.
Mit matten Augen und gesenktem Kopf stand sie in der Tür zur Diele, vermied es, ihn anzusehen. In der Hand einen Koffer.
Flüsternd sagte sie: »Lass mir einen Wohnungsschlüssel. Ich hole den Rest meiner Sachen ab, wenn du nicht hier bist. Was ist mit den Möbeln?«
»Ich brauche nichts, du kannst alles haben.« Er machte eine großzügig kreisende Bewegung mit dem Arm, taumelte dabei, wäre beinahe gefallen.
Vielleicht wollte er ihr mit den Möbeln eine Freude bereiten, er wusste es nicht. Er wollte keinerlei Besitz mehr, der ihn an die Vergangenheit erinnerte, das traf es wohl am besten.
Sie drehte sich um und als die Tür hinter ihr zufiel, war es wie eine Befreiung. Nicht weil er sie nicht mehr liebte, im Gegenteil. Mit seltener Klarheit war ihm bewusst geworden, dass er sie irgendwann versehentlich töten würde, bliebe sie bei ihm.
Im matten Licht der Straßenbeleuchtung saß er auf der Parkbank und hatte nur den Gedanken im Kopf, wo er etwas Starkes zu trinken herbekäme. Zu Hause hatte er nichts und Geld hatte er auch nicht.
Ein Motorrad raste über die Allee und keine fünf Meter von ihm entfernt dröhnte eine krachende Fehlzündung aus dem Auspuff. Mit einem oft trainierten Hechtsprung warf er sich neben der Bank auf die Erde, presste seine Hände vors Gesicht und schlang die Arme um den Kopf. Als habe jemand das Licht abgedreht, wurde es um ihn dunkel. Wie von einer gigantischen Faust geschüttelt, schwebte er in stockfinsterer Nacht, und es stank widerlich nach Explosivstoffen.
Einem harmlosen Spaziergänger, der nichts weiter wollte, als seinen Hund ausführen, brüllte er sinnlose militärische Kommandos zu. Der Mann glaubte, er habe einen Irren vor sich, was es ziemlich gut traf, und verständigte die Polizei.
Später auf dem Revier gab der Mann zu Protokoll: »Verstanden habe ich nichts, aber es war wie im Kino in einem Rambo-Film.«
Die Polizisten waren nicht unfreundlich oder grob, sperrten ihn trotzdem in eine Zelle.
»Wir nehmen Sie in Gewahrsam, das ist zu Ihrem eigenen Schutz«, sagten sie aufmunternd und einer klopfte ihm jovial auf die Schulter.
»Das wird wieder, keine Bange.« Er redete in diesem gütigen Tonfall, der üblicherweise Psychiatern und Pfarrern vorbehalten ist, und Harry fühlte sich sofort ruhiger. Er kannte den Ton.
In der schmalen Zelle des PGs (Polizeigewahrsam) gab es nur eine Pritsche, einen Toilettentopf ohne Brille und Deckel und ein Waschbecken. Es stank widerlich nach Urin, gekotztem Bier und ungewaschenen menschlichen Körpern. Er ließ sich auf die Pritsche fallen und zog die Knie hoch an den Körper. Haltloses Schluchzen schüttelte ihn und einer der Polizisten zog ihm fürsorglich die Decke bis an den Hals.
»Er riecht nach Alkohol, aber betrunken kommt er mir nicht vor«, sagte einer. »Überdreht, Krach mit der Frau, Job verloren«, sagte ein anderer und das kam der Wahrheit recht nahe.
Sie durchsuchten seine Taschen und in seiner Gesäßtasche fanden sie einen von schweißigen Fingern zerdrückten und beinahe unleserlichen Brief. Die letzte Zeile unter dem kurzen Brief lautete: Ich liebe dich, ich warte auf dich, Gerda. Auf dem Umschlag stand eine Adresse, und da kapierten die Polizisten. Johannes Kowalski lautete der Name auf dem Umschlag, »das Länderkürzel AFG steht für Afghanistan«, wie einer der Polizisten wusste. Dazu der Vermerk Feldpost, eine Postleitzahl und als Ortsangabe Darmstadt.

[…]


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