„Das Ziel“ von Gustav Knudsen


Das Leben ist eine Reise, nicht ein Ziel!  
Die frühen 1980er Jahre – prägend und einprägend

Mit der Rückkehr nach Norwegen wächst Gustavs Unbehagen bei dem Gedanken, dass er Michelle seine Affaire mit Linda beichten muss. Umso mehr erstaunt ihn dann, dass Michelle relativ gelassen reagiert. Tage und Wochen, die von sehr viel Arbeit geprägt sind, gehen ins Land und langsam hält der Alltag in der kleinen Wohngemeinschaft seinen Einzug.

Mit der Ankunft der Möbel aus den Niederlanden scheint der Vorfreude auf das erste gemeinsame Weihnachtsfest nichts mehr im Wege zu stehen, bis Michelle Opfer eines sexuellen Übergriffs durch einen Mitschüler der Sprachschule wird. Rasend vor Wut will Gustav den Täter zur Rede stellen, doch mit psychologischem Geschick gelingt es Ingrid schließlich, sein Temperament zu zügeln und ihn davon zu überzeugen, eine Anzeige bei der Polizei zu machen.

Der Heilige Abend hält dann für Gustav eine Überraschung bereit, als er seinen Freund und früheren Arbeitskollegen Willem wieder trifft und ihn spontan über Weihnachten auf den Bauernhof einlädt. Ingrid zeigt sich gegenüber dem Überraschungsgast misstrauisch. Sind ihre Bedenken berechtigt und Willem spielt ein falsches Spiel?

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Kennenlernen: Gustav Knudsen

Leseprobe

Aus dem Fenster des Flugzeugs zu blicken machte wenig Sinn. Ausser dem Nachthimmel war nichts zu sehen. Und der war jetzt wie überall. Dunkel. Auch die Eincheck-Prozedur war eher langweilig, also unkompliziert. Hatte ich doch befürchtet die Sicherheitskontrolle könne sich etwas hinziehen. Weil ich einer der wenigen war, der nur einen Rucksack als Gepäck hatte. Zu meiner Verwunderung interessierte sich die Security jedoch überhaupt nicht dafür. Schwieriger war es, zu erklären warum ich „Dreck“ in meinem Tabakpäckchen hatte. Der Sicherheits-Mensch war aber sehr freundlich, wir plauderten etwas. Über diesen Dreck. Die Graberde die ich mit mir führte. Dann noch ein wenig Zeit in den Shops im Sicherheitsbereich verplempert, ein wenig gedöst im Gate.
Die knapp zwei Flugstunden hatte ich für ein Nickerchen genutzt. Zumindest den grössten Teil. Hing erst einfach nur meinen Gedanken hinterher. Liess die letzten gut zwei Wochen Revue passieren.  
Mittlerweile liebte ich das Fliegen, die Stewardessen servieren Kaffee und das Flugzeug wippt gemütlich im Wind. Unter uns war jetzt als grauer Umriss Land zu erkennen. Eine lang gezogene Landzunge, die sich ins Meer schiebt. Kurz wurde meine Beobachtung unterbrochen, von der Stewardess, die frischen Kaffee reichte. Stark und aromatisch, der Kaffee, nicht die Stewardess. Eines der Talente der Norweger, die ich schätzte – exzellenten Filter-Kaffee zu kochen.
Dann wechselte das Landschaftsbild, soweit es in der Dunkelheit auszumachen war. Raue, steil abfallende Küste mit großen Nadelwäldern, die bis an die Klippen heran reichen. Es gibt keinen Zweifel, das ist Norwegen! Zuerst erhaschte ich immer nur kurze Blicke aus den Fenstern auf der gegenüberliegenden Seite, bis wir etwas eindrehen, und auch links von uns das Land zu sehen ist. Etwas weiter landeinwärts werden die Wälder weiß – schneebedeckte Gebirgsketten. Ich sehe jetzt zum erneuten Male wie leer und weit dieses wilde Land ist. Je näher wir an Bergen kommen, je mehr Lichter wie glitzernde Punkte aus der Dunkelheit hervorstechen, desto schlechter wird das Wetter, die Wolken schließen sich immer mehr, und es fängt an zu tröpfeln. Als wir in den Landeanflug gehen und die Landschaft am Boden größer wird, steigt meine Vorfreude ins Unermessliche. Obwohl es Winter ist, ist alles Grün. Das spiegelglatte Wasser des Fjords wird unterbrochen von dutzenden kleinen Inseln, mit steilen Felsenklippen, die dicht bewaldet von Nadelbäumen sind. Wir sinken tiefer und tiefer, und man erkennt immer mehr – Hütten am Ufer – Es verschlägt mir beinahe den Atem, mir wird klar, dass meine Reise etwas ganz Besonderes werden wird. Nämlich eben genau das – keine Reise, sondern eine Rückkehr, eine Rückkehr nach Hause. Eine Rückkehr zu meinen geliebten Menschen. Meiner Familie. Meinen Freunden. 
Der Landeanflug ist ungewöhnlich lang und flach, so dass ich den Blick aus dem Fenster lange genießen kann. „Ich habe noch nie einen so schönen Landstrich gesehen“ höre ich ganz leise meine Gedanken. Ich habe mich bereits in dieses Land verliebt. Wir setzen direkt hinter dem Wasser und steilen Felsen auf einer kleinen Landebahn auf. Der Flughafen ist winzig und es scheint so, als hätte jeder Zentimeter Landebahn dem Berg mühsam abgerungen werden müssen.
Wir docken am Gate an und betreten die winzige Abfertigungshalle. Sie besteht aus nur wenigen Gepäckbändern, einem Getränkeautomaten und einem kleinen Duty-Free-Shop. Es fühlt sich fast familiär an, es gibt keine Hektik, und die teilweise holzvertäfelten Wände strahlen eine gewisse Gemütlichkeit aus.

[…]


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