Ein Eliteinternat. Eine eingeschworene Clique. Ein tödliches Spiel.
Das Stipendium am renommierten Eliteinternat Santa Clara scheint für die 17-jährige Verena die Chance ihres Lebens zu sein. Doch der Traum verwandelt sich bald in einen Albtraum, denn hinter der perfekten Fassade lauern Machtspiele und perfide Intrigen. Ihre neuen Freunde haben ein dunkles Geheimnis, und ehe Verena begreift, was geschieht, ist sie Teil eines Spiels, das keine Regeln kennt.
Zwanzig Jahre später folgt Leonie den Spuren von Verenas Vergangenheit. Als Kindermädchen bei einer einflussreichen Wiener Familie kennt sie nur ein Ziel: die Wahrheit ans Licht zu bringen. Denn die Schatten von damals reichen bis in die Gegenwart – und das gefährliche Spiel, das damals begann, geht in die nächste Runde …
Ein packender Psychothriller über dunkle Geheimnisse, zerstörerische Lügen und den erbitterten Kampf um Gerechtigkeit.
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Kennenlernen: Sophie Edenberg
Leseprobe
Kapitel 1
Heute. Leonie
Beinahe ehrfürchtig betrachtete ich das Haus, das vor mir aufragte. Es war zweistöckig, in einem satten Gelb gestrichen, eine Treppe führte zu einer dunkelgrünen Eingangstür hinauf. Die großzügigen Flügelfenster fingen die Mittagssonne ein und warfen glitzernde Reflexe auf die akkurat geschnittenen Buchsbäume, die die Tür wie stumme Wächter flankierten.
Das Anwesen der Familie Hellstein lag am Rande des Cottageviertels, einem exklusiven Stadtteil Wiens. Gewöhnliche Häuser gab es hier nicht, nur Villen und avantgardistische Bauten, umgeben von üppigen Vorgärten und jahrhundertealten Eichen, die ihre Kronen in den Himmel reckten. Der Kontrast zu dem Arbeiterviertel, in dem ich wohnte, hätte kaum größer sein können. Selbst die Luft roch anders, nach Wohlstand und Erfolg. Jeder Stein, jede sorgsam gestutzte Hecke verriet, dass dies ein Ort der Elite war – und dass ich nicht hierhergehörte.
Ich wischte mir die feuchten Hände an meiner Hose ab. Ich hatte lange überlegt, was ich anziehen sollte und mich am Ende für eine hochgeschlossene Bluse zu einer schwarzen Stoffhose entschieden – unpraktisch warm für Ende August, weshalb ich jetzt schrecklich schwitzte.
Ich atmete noch einmal tief durch, dann stieg ich die Treppe hinauf und drückte auf den Klingelknopf. Ein Summen ertönte, gefolgt von einem metallischen Klicken, als das Schloss entriegelt wurde.
Die Frau, die mir die Tür öffnete, war Ende dreißig, schlank und hatte große, stark geschminkte Augen. Sie trug ein weißes Leinenkleid und dazu passende flache Schuhe, deren Schnallen im Sonnenlicht glänzten. Auch wenn ich die Marke nicht kannte, war mir klar, dass sie verflucht teuer gewesen sein mussten.
»Guten Tag«, sagte sie höflich. »Frau Köck, nehme ich an?«
»Ja, genau. Wir haben vorgestern telefoniert. Ich bin wegen des Vorstellungsgesprächs hier.« Nach einer kurzen Pause fügte ich hinzu: »Die Stelle ist doch noch frei, oder? Sie haben sie noch nicht vergeben?«
»Nein, das heißt, ja. Die Stelle ist noch frei.« Lächelnd reichte sie mir ihre perfekt manikürte Hand. »Stefanie Hellstein. Schön, Sie kennenzulernen. Bitte, kommen Sie doch rein.«
Ich folgte ihr durch den Vorraum und einen mit weißen Einbauschränken gesäumten Flur, von dem eine Tür in ein geräumiges Wohnzimmer abzweigte.
Frau Hellstein setzte sich auf das Sofa und deutete auf den Platz ihr gegenüber. »Setzen Sie sich doch. Möchten Sie vielleicht eine Tasse Kaffee?«
»Danke, nicht nötig.«
Frau Hellstein nickte knapp und griff nach einer Aktenmappe auf dem Beistelltisch. Dann lehnte sie sich zurück, schlug die langen Beine übereinander und sah mich erwartungsvoll an. »Erzählen Sie mir doch ein wenig über sich, Frau Köck.«
Meine Hände verkrampften sich in meinem Schoß. Obwohl ich die Antworten auf jede erdenkliche Frage einstudiert hatte, war ich nun doch nervös. »Ich bin neunzehn; in Wien geboren und aufgewachsen. Während meiner Schulzeit und danach habe ich regelmäßig als Babysitterin gearbeitet – meistens abends, aber auch tagsüber, wenn es sich ergeben hat.« Ich hielt kurz inne. Die unschönen Details meiner Vergangenheit – dass ich gerade erst einem drohenden Strafverfahren entgangen war – verschwieg ich lieber. Stattdessen lächelte ich und fügte mit gebührendem Enthusiasmus hinzu: »Die Arbeit mit Kindern hat mir immer Spaß gemacht. Daher freue ich mich, heute hier zu sein, und hoffe, die Gelegenheit zu bekommen, Sie und Ihre Familie zu unterstützen.«
Frau Hellstein warf einen Blick auf meine Bewerbungsunterlagen, blätterte mechanisch durch die Seiten und legte die Mappe dann mit einem zufriedenen Nicken beiseite. »Sehr schön«, sagte sie schließlich. »Wie Sie sicher wissen, ist mein Mann Ludo Abgeordneter im Wiener Landtag und beruflich stark eingespannt. Auch ich werde in Zukunft wieder mehr arbeiten, daher suchen wir jemanden, der sich zuverlässig um unsere Tochter Mia kümmert.«
Ihr Blick glitt prüfend über mich hinweg und ich nickte.
»Unser Sohn Sixtus ist elf und besucht ein Internat. Er kommt nur in den Ferien nach Hause«, fuhr sie fort. »Momentan ist er auf einem Pfadfinderlager und wird danach direkt dorthin zurückkehren. Unsere Tochter Mia ist vier. Sie geht vormittags in den Kindergarten und müsste täglich um 14 Uhr abgeholt und bis zu meiner Rückkehr betreut werden. Manchmal auch abends, wenn ich zu einer Veranstaltung muss.«
Wieder nickte ich. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie davon ausging, dass ich über ihren Job als Influencerin Bescheid wusste – wenn man das überhaupt einen richtigen Job nennen konnte –, entlockte mir ein kleines Schmunzeln. »Das klingt gut. Wie gesagt, ich liebe Kinder und freue mich darauf, Mia kennenzulernen. Welchen Kindergarten besucht sie denn?«
»Den Waldorfkindergarten in Pötzleinsdorf. Eine private Einrichtung, wird Ihnen wahrscheinlich nichts sagen. Aber Mia fühlt sich dort sehr wohl.«
Ich setzte mein bestes wissendes Lächeln auf. »Oh, natürlich kenne ich den. Einige Kinder aus dem Bekanntenkreis meiner Eltern waren auch dort«, log ich. »Ich finde den ganzheitlichen Ansatz der Waldorfpädagogik sehr inspirierend. Er fördert sowohl die Kreativität als auch die sozialen Kompetenzen, ohne die Kinder dabei zu überfordern.«
»Tja, da sind wir uns wohl einig.« Ein Hauch von Überraschung blitzte in Frau Hellsteins Gesicht auf, doch sie fing sich schnell wieder. »Zusätzlich müssten Sie sich vormittags um den Haushalt kümmern und gelegentlich Einkäufe für uns erledigen. Haben Sie einen Führerschein?«
»Ja, allerdings besitze ich kein eigenes Auto.«
Sie winkte ab. »Das ist kein Problem. Sie können einen unserer Wagen benutzen.«
Während Frau Hellstein weiter über die Aufgaben sprach, die der Job mit sich brachte, ließ ich den Blick unauffällig durch das Wohnzimmer schweifen. Alles hier wirkte wie aus einem Hochglanzmagazin – die elegante Sitzgarnitur, die funkelnden Kristalle des Kronleuchters an der hohen Decke, der kunstvoll verzierte Kamin. Der Sims war reich dekoriert: Filigrane Porzellanfiguren standen zwischen sorgsam arrangierten Fotos. Auf einem von ihnen erkannte ich Stefanie in einem glamourösen Kleid, wie sie bei einer Vernissage charmant in die Kamera lächelte. Ein anderes zeigte die Hellsteins im Urlaub am Strand. Ihre Gesichter strahlten mit dem türkisblauen Wasser um die Wette. Am liebsten wäre ich aufgestanden, um die Bilder aus der Nähe zu betrachten, doch ich zwang mich, meine Neugier zu zügeln. Wenn Stefanie mich erst einmal eingestellt hatte, würde ich noch genug Zeit haben, mich in Ruhe umzuschauen.
Ein Räuspern holte mich zurück in die Gegenwart.
»Kommen wir zum Thema Gehalt. Ich nehme an, Sie haben unser Angebot in der Anzeige gesehen?«
»Ja, das habe ich. Es ist sehr großzügig«, erwiderte ich und bemühte mich, überzeugend zu klingen. Tatsächlich war das Gehaltsangebot angesichts des offensichtlichen Wohlstands der Familie fast schon ein Hohn. Aber ich wollte diesen Job unbedingt. Es ging mir um weit mehr als nur um Geld.
Frau Hellstein nickte zufrieden. »Gut, dann wäre das ja geklärt.«
In diesem Moment erklang hinter uns eine zarte Kinderstimme. »Mama? Wer ist das?«
Wir drehten uns um. Ein kleines Mädchen war im Türrahmen aufgetaucht, ein Kuscheltier fest an die Brust gedrückt.
»Mia, mein Schatz! Du bist ja schon wach!« Frau Hellstein stand auf und ging auf ihre Tochter zu. Die großen Augen des Mädchens musterten mich neugierig, während ihre Mutter sie an der Hand zu mir führte.
»Das ist Leonie. Leonie – Frau Köck –, das ist Mia«, stellte sie uns vor.
»Leonie reicht völlig«, sagte ich rasch und ging vor dem Mädchen in die Hocke. In ihrem rosafarbenen Pyjama und den vom Mittagsschlaf zerzausten Locken sah sie hinreißend niedlich aus.
»Hallo, Mia. Freut mich, dich kennenzulernen. Und wer ist das?«, fragte ich und deutete auf das Kuscheltier. »Ist das dein Freund?«
Mia schaute mich mit großen Augen an, bevor sie mir das Stofftier mit einer Mischung aus Eifer und Neugier präsentierte. »Das ist Flocki.«
Ich lächelte und betrachtete den kleinen, bereits etwas abgewetzten Bären. »Er ist wirklich süß.«
»Den hab ich zum Geburtstag bekommen. Ich bin nämlich schon vier!«, verkündete Mia mit kindlichem Stolz und hielt die entsprechende Anzahl an Fingern hoch.
»Wow, dann bist du ja schon ein richtig großes Mädchen!«
Mia öffnete gerade den Mund, um etwas zu erwidern, doch Frau Hellstein unterbrach sie mit sanfter Bestimmtheit. »Geh jetzt bitte wieder in dein Zimmer, Liebling«, sagte sie, während ihre Hand zärtlich über Mias Locken glitt. »Ich komme gleich nach, und dann suchen wir zusammen ein Spiel aus, ja?«
Die Kleine zögerte kurz, als wollte sie widersprechen, nickte dann aber. »Ist gut. Tschüss, Leonie!«
Mit diesen Worten wandte Mia sich um und hüpfte davon.
»Ein wirklich bezauberndes Mädchen«, bemerkte ich, als sie aus dem Raum verschwunden war. »Und so hübsch! Ganz wie ihre Mutter.«
Frau Hellstein lächelte, sichtlich geschmeichelt. Ein Hauch von Selbstgefälligkeit schlich sich in ihre Haltung, bevor sie leicht den Kopf schüttelte, als müsse sie sich daran erinnern, warum wir überhaupt hier waren. »Gut … Ich denke, das wäre alles von meiner Seite. Haben Sie noch Fragen?«
Ich setzte ein schüchternes Lächeln auf und zögerte einen Moment, ehe ich antwortete. »Nur eine: Wann kann ich anfangen?«
Frau Hellstein lachte kurz auf. »Wir prüfen derzeit noch andere Bewerbungen, aber ich werde mich in den nächsten Tagen bei Ihnen melden.«
[…]
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