„Lichter und Legenden: Ein Einhorn in New York“ von Rigon Grimoire


„Was, wenn du fliehen musst, um frei zu sein – und dabei eine Welt entdeckst, die dein Leben für immer verändert?“

Lyria ist ein Einhorn – ein magisches Wesen voller Licht, Reinheit und Kraft. Doch als ihre Eltern sie dem finsteren Zauberer Thormur versprechen, einem mächtigen und erbarmungslosen Ceranox, bleibt ihr nur die Flucht. Durch ein Portal entkommt sie aus ihrer Heimat Avenara und stürzt in die fremde Menschenwelt.

Auf der Erde, wo Magie nur noch in Spuren existiert, wird sie gezwungen, ihre wahre Gestalt aufzugeben und die Form einer Menschenfrau anzunehmen. Verloren in einer unbekannten Realität findet sie in New York Schutz bei Nathan und seiner Tochter Celestine – eine Verbindung, die ihr Hoffnung schenkt, aber auch Gefahren birgt.

Doch die Dunkelheit ihrer Vergangenheit holt sie ein. Während sie um ihre Freiheit kämpft, steht nicht nur ihre Zukunft, sondern auch das Schicksal zweier Welten auf dem Spiel.

Dies ist der Auftakt zu Lyrias Reise – eine Novelle voller Magie, Gefahr und Hoffnung.

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Kennenlernen: Rigon Grimoire

Leseprobe

Mein Name ist Lyria, und ich war einst ein Einhorn – ein Geschöpf der Reinheit, der Magie. Doch nun … bin ich nur ein Schatten meiner selbst, gefangen im sterblichen Körper eines Menschen.
Jetzt stand ich in einer düsteren Gasse, erfüllt von Schatten und Kälte. Mein wahres Ich war im sterblichen Fleisch eines Menschen eingeschlossen – bloß, verletzlich und verloren. Nur mein silbernes Haar fiel mir wie ein schützender Mantel über die Schultern und bewahrte mich vor der völligen Blöße. Doch es spendete kaum Wärme. Niemals hätte ich gedacht, dass die Kälte so erbarmungslos sein könnte. Als Einhorn war ich von einem dichten Fell umhüllt, das mich vor jeder Witterung schützte. Aber diese primitive, nackte Haut der Menschen ließ meinen ganzen Körper zittern.
Sanft schwebten weiße Gebilde vom Himmel, leise und fremdartig. Zögernd streckte ich eine Hand aus. Kaum berührten sie meine Haut, schmolzen sie – kühl und vergänglich, wie ein Hauch von Magie inmitten dieses trostlosen Ortes. Ein Lächeln huschte über mein Gesicht.
Ich hätte diese Welt der Menschen niemals freiwillig betreten. Ihr Ruf eilte ihnen voraus – eine rücksichtlose Rasse, besessen von Macht und materiellen Gütern, die sich gegenseitig bekämpfen und ihren eigenen Planeten zerstören. Ein Albtraum, so hatte ich gehört.
Avenara, unsere magische Heimat, war für mich nicht länger sicher. Ich musste fort, weg aus einem Reich, das für mich immer ein Zuhause gewesen war. Doch hinter der schimmernden Fassade lauerten Intrigen und dunkle Mächte. Ein schrecklicher Zauberer namens Thormur, ein imposanter Ceranox mit einem stockfinsteren Geweih, sollte mein Gatte werden. Seine Augen hatten den kalten Glanz von Felsen im Mondlicht, und die verzweigten Äste seines prachtvollen Kopfschmucks schienen sich in unnatürlicher Eleganz zu verdrehen, als ob sie die Dunkelheit selbst formten. Unsere Vermählung, so sagten sie, war der Schlüssel zum Frieden zwischen Einhörnern und Ceranoxen. Doch um diesen Frieden zu sichern, sollte ich meine Magie für immer aufgeben.
Ich glaubte Thormur kein Wort. Seine Pläne lagen für mich klar auf den Hufen. Mit unserer Vermählung würde meine Magie auf ihn übergehen. Und was dann? Er würde sie nutzen, um eines Tages meinesgleichen zu vernichten. Schon vor vielen, vielen Monden hatte der einstige Ceranox-König die Magie der Einhörner missbraucht und Chaos über Avenara gebracht. Damals beteuerten die Ceranoxen, dass sich so etwas nie wiederholen würde. Sie hatten einen Friedensvertrag unterzeichnet, und der Ceranox-König war verbannt worden. Doch ich spürte, dass sie logen. Sie würden meine Magie nutzen, um ihn zu befreien. Seine Rache würde gnadenlos sein.
War ich denn das einzige Einhorn, das ihre wahren Absichten durchschaute? Warum wollte mir niemand glauben? Meine Eltern – so weise und klug ich sie auch immer geschätzt hatte – sahen in meiner Weigerung nur Trotz.
Ein hitziger Streit entbrannte, als ich die Vermählung verweigerte. Ihre Stimmen zitterten vor Enttäuschung, und in ihren Augen spiegelte sich etwas, das ich nie zuvor gesehen hatte – Angst. Angst vor mir – nicht wegen dem, was ich war, sondern wegen dem, was ich tat. Angst vor dem, was kommen könnte.
Doch ich konnte nicht einfach gehorchen. Mein Herz schlug nicht für Thormur – das spürte ich eindeutig. Niemals würde ich zulassen, dass zwei Herzen miteinander verknüpft werden, die nicht füreinander bestimmt sind. Frieden war mir wichtig, aber nicht um den Preis meiner Magie und meines freien Willens.
So blieb mir nur eine Wahl: Ich flüchtete in die Welt der Menschen. Hier, inmitten der Kälte und Fremdheit, hoffte ich, die Vermählung mit Thormur und einen erneuten Krieg zu verhindern – und vielleicht, meinen eigenen Weg zu finden.
Ich zog meine Mähne enger um meinen Körper, während die eisige Kälte wie Nadeln über meine Haut fuhr, und setzte einen taumelnden Fuß vor den anderen. Unsicher tasteten meine neuen, langen Beine – Stelzen, wie sie mir vorkamen – den Boden ab. Doch bevor ich mich an diese fremdartige Bewegung gewöhnen konnte, verfing ich mich in meinen eigenen Haaren und stolperte. Mit einem harten Aufprall landete ich auf einem Knie, während mein anderer Fuß ungeschickt unter mir wegrutschte.
Ein scharfes, stechendes Gefühl durchfuhr die getroffene Stelle, und ich schnappte keuchend nach Luft. Meine filigranen Hände pressten sich reflexartig darauf. Das seltsame, pochende Empfinden breitete sich aus, pulsierte durch meinen Körper. Es war intensiv, unangenehm, fast überwältigend.
Ich hielt inne, während ich versuchte, dieses neue Gefühl zu begreifen. Es war, als würde etwas in mir rebellieren – ein eigenartiges Pulsieren, fast wie eine Welle, die in mir auf und ab schwappte. Es ließ mich zittern, machte mich unruhig.
In Avenara gab es so etwas nicht. Verletzungen konnten geschehen, doch sie waren kaum spürbar – die Magie in uns schloss jede Wunde, bevor sie zur Gefahr wurde. Aber das hier war anders: scharf und unbarmherzig, als ob die Welt selbst mich verletzlich machen wollte. Ich fühlte mich verwundbar, ein Zustand, den ich niemals zuvor erlebt hatte.
Mein Blick fiel auf mein Knie, wo sich dunkles Blut in kleinen Tropfen sammelte. Die Haut war aufgerissen, und das pulsierende Gefühl wurde noch stärker. Ich wartete darauf, dass die Wunde sich schloss – wie sie es immer getan hatte. Doch nichts geschah. Die schimmernde Magie, die sonst wie ein unsichtbarer Schleier über mir lag, blieb aus. Ein beunruhigender Gedanke schlich sich in meinen Kopf: War ich etwa in einer Welt, in der Magie keinen Platz hatte? Eine Welt, die mich meiner Fähigkeiten beraubt hatte?
Ich starrte auf die Wunde, die weiterblutete, und mein Herz zog sich zusammen. Das durfte nicht sein. Es konnte nicht sein. Ohne Magie … war ich nichts als ein verletzbares Wesen – schwach und schutzlos.
Mein Körper begann zu beben, diesmal nicht vor Kälte, sondern vor nackter Angst. Mit zitternden Händen legte ich all meine Hoffnung in diesen Versuch. Wenn Magie noch ein Teil von mir war, dann musste sie jetzt durch mich fließen – oder ich war verloren. Ich schloss die Lider, sammelte mich, und in der Dunkelheit meines Geistes spürte ich, wie ein vertrauter Funke aufglomm.
Das Pulsieren meiner Magie wurde stärker, ein warmes, lebendiges Gefühl, das sich wie sanfte Wellen durch meinen ganzen Körper ausbreitete. Vorsichtig öffnete ich die Augen, und da war es: ein reines, weißes Licht, das aufleuchtete wie die erste Morgensonne nach einer langen Nacht. Es umhüllte die Wunde, und als das Leuchten verblasste, war sie verschwunden – als hätte sie nie existiert. Erleichtert strich ich mit den Fingern über die Stelle. Das unangenehme Stechen, das ich zuvor gespürt hatte, war verschwunden. Nur reine, unversehrte Haut blieb zurück. Die Magie war da, genau wie immer – ein Teil von mir, unerschütterlich und stark.
„Was zum …?!“, knurrte plötzlich eine männliche Stimme in der Dunkelheit. Das Geräusch ließ mich zusammenzucken, wie ein Tier, das in die Enge getrieben wird.
Ich war nicht allein in dieser dunklen Gasse. Wie hatte ich nur so unvorsichtig sein können? Die Magie hier zu wirken, ohne mich umzusehen – ein fataler Fehler.
Was sollte ich tun? Wenn er von meiner Magie erzählte, würde mich diese Welt genauso gnadenlos jagen wie die meine.
Der Mann, der sich in mehrere Decken gewickelt hatte, hielt eine Flasche in seiner rechten Hand und betrachtete sie misstrauisch. Plötzlich begann er zu lachen. „Ein gutes Zeug, wenn ich mir schon eine so wunderhübsche Frau einbilde.“ Er hob die Flasche in meine Richtung und sagte lallend: „Cheers“, bevor er sich einen großen Schluck gönnte.
Erleichterung durchfuhr mich. Er hielt mich für eine Halluzination. Das war mir recht.
Als ich die Gasse verlassen wollte, hielt der Mann mir plötzlich ein Kleidungsstück vor die Nase. „Meine Fata Morgana kann sich doch nicht nackt den anderen präsentieren – und das ausgerechnet zu Weihnachten. Hier, nimm das.“
Ich zögerte und fühlte mich wie festgefroren. Doch er drückte mir den lilanen Stoff in die Hand.
„Das hat mir eine nette alte Dame geschenkt, aber es ist viel zu klein für jemanden wie mich“, fügte er mit einem lauten Rülpser hinzu. „Entschuldigung, der musste einfach raus. Dir würde dieser Fetzen sicher hervorragend stehen, und du würdest nicht so frieren.“
Mich verschlug es dermaßen die Sprache, dass ich nicht einmal ein Danke herausbrachte. Er schenkte mir ein Lächeln und entblößte dabei seine lückenhaften Zähne, bevor er sich wieder in seine Schlafecke einmummelte.
Ich wartete einen Moment und vergewisserte mich, dass er tief und fest schlief. Erst dann wagte ich es, in das lila Hemd zu schlüpfen. Der Stoff war rau, doch angenehm warm, und so groß, dass es mir bis zu den Knien reichte. Es bedeckte meine Blöße und ließ mich endlich ein wenig menschlicher wirken.
Er schlummerte bereits, doch die Decken konnten sein Zittern nicht stoppen. Neben ihm stand eine Tonne, deren rostige Oberfläche von besseren Tagen erzählte. Ein einziger Fingerzeig genügte, und ihr Inhalt entflammte in einem wärmenden Feuer.
Er war nun vor der Kälte geschützt. In Gedanken schickte ich ihm meine besten Wünsche, begleitet von wundervollen Träumen, bevor ich diesen Ort endgültig hinter mir ließ.

[…]


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