Von den Wogen des Meeres in die Tiefen der Liebe – ein Roman über die Liebe und das wahre Leben.
Knapp dem Tod in den tosenden Wellen eines Hurricanes entkommen und jäh von der Liebe in der Heimat enttäuscht, zieht es den Seemann Stephen Tremaine aus Cornwall wieder zurück auf See. Im fernen Trinidad trifft er in einem dieser schillernden Etablissements der käuflichen Liebe diese Frau …
So nimmt das Schicksal seinen Lauf und zu spät erkennt er, dass er einem Wunschtraum nachjagt. Ungeplant wird er in ein völlig neues Leben geworfen, das ihn schließlich bis in die Slums von Port of Spain führt.
Ein Buch über Illusionen, Neubeginn und die Liebe und nicht zuletzt über das Ankommen, in welch vielerlei Sinn auch immer.
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Leseprobe
Und dann war es endlich so weit. Stephen und Brian konnten den Lärm der Steel-Bands schon von Weitem hören und unter diesen Klängen näherte sich nun der Zug der Schönen und der Zelebrierenden. Es ging wie ein Lauffeuer durch die Menge:
„Sie kommen!“
Die Menschenmasse – tanzend, singend, sich wiegend – wich noch weiter seitwärts an die Straßenränder, um dem Festzug Platz zu machen. Der Aussichtspunkt war tatsächlich gut gewählt, Stephen und sein Freund hatten die letzte Biegung des Umzuges im Blick, der hier direkt in die Zielgerade mündete.
Da!
„Er kommt!“, tönte es aus Hunderten von Kehlen und dann tauchte auch schon die Spitze des Zuges auf.
Die Kür zur „Carnival Queen“ hatte bereits stattgefunden und der Zug wurde nun angeführt von der strahlenden Siegerin. Eskortiert wurde sie von einer Gruppe tanzender Mädchen, hüften- und armeschwingendend, sich dabei in Kreisen drehend, vor und wieder zurück, alles war in Bewegung. Leider war es nicht Mercedes, die den Zug anführte, Stephen hatte es so sehr gehofft.
Ihnen auf dem Fuße folgte die Steel-Band. Diese bestand aus etwa zwanzig Männern, die tanzend und mit nackten, schweißglänzenden Oberkörpern wie wild auf ihre aus Petroleumfässern bestehenden Rhythmus- und Musikinstrumente trommelten.
Und auf sie folgte ein langer Zug von tanzenden Frauen und Männern gekleidet in den buntesten und aufwändigsten Kostümen, die man sich nur denken konnte. Die Frauen, halbnackt mit riesigen roten, blauen und grünen Federbüschen auf dem Kopf, am Gesäß und an den Fußgelenken. Andere trugen herrlich große Flügel am Rücken und Strahlenkränze im schwarzen Haar. Es war ein unbeschreiblich farbenprächtiges, glitzerndes Bild. Sich im Takt der Steel-Band in den Hüften wiegend und dabei aufreizend mit dem Po wackelnd, füllten sie die Luft mit einer Wolke von knisternder Erotik. Und wieder folgte ein Zug, dann ein dritter und diese jeweils angeführt von den Carnival Queens, die den zweiten und den dritten Platz belegt hatten. Zwischen ihnen immer wieder eine Steel-Band und es nahm kein Ende.
Alles war in Bewegung, ein bizarrer, unwirklich wirkender Zug der abenteuerlichsten Gestalten, die sich die menschliche Fantasie nur ausdenken konnte, ein die Sinne betörendes Spektakel, das jedermann mitnahm, ob er wollte oder nicht, und über alldem lag der Lärm der fetzigen Musik der Steel-Bands.
‚Mein Gott, was für ein Volk!‘, dachte Stephen.
Er und sein Kollege waren außerstande, sich dem Zauber und dem Rhythmus zu entziehen. Es war wie ein Zwang, der sie trieb, in den Hüften zu schwenken und mit den Füßen zu wippen. Begierig schauten sie nach Mercedes und der Gruppe aus dem „Moulin Rouge“ aus.
Und da endlich war sie! Gekleidet in einem knallroten Rausch aus wippenden Federn und flankiert von ihren beiden Mitstreiterinnen. Ganz unverhofft waren sie an der Biegung der Straße aufgetaucht. Trotz ihres fantastischen und üppigen Kostüms erkannte er sie sofort. Dritte war sie geworden, aber für Stephen war sie die Prächtigste und Schönste von allen.
Langsam näherte sich die Gruppe dem Standort der beiden Seeleute, Mercedes, flankiert von zwei nicht minder prächtig ausstaffierten Mädchen in leuchtendem Türkis, sie anmutig tänzelnd und sich in den Hüften wiegend, wie die feuerrote Göttin einer längst vergangenen Epoche.
Ihr Kopf war gerahmt von einem buschigen, fast meterhoch aufragenden knallroten Federschmuck, aus ihm hervor stach ein Strahlenkranz, ein Fächer aus langen, leuchtend blauen Schwanzfedern, der ihr das Gepräge eines prachtvollen tropischen Paradiesvogels gab. Er umkränzte ihr Gesicht und reichte ihr bis über ihre Schultern und am Rücken quoll ihre lange schwarze Mähne hervor, die sich über zwei große bauschige, feurig rote Engelsflügel bis über ihr Gesäß ergoss, an ihrem Slip wippte ein aus blauen und türkisfarbenen bestehender prachtvoller Vogelschwanz. Bis auf diesen und ihr leuchtend buntes üppiges Federkleid war sie nackt. Ihre dunkle Haut glänzte vom Schweiß. Sie war unablässig in Bewegung, tänzelte auf hohen Hacken vor und zurück, drehte sich und schwenkte bei alldem aufreizend ihre Hüften.
Mercedes war der Blickfang schlechthin, die Zuschauer hingen wie magisch angezogen an ihr und der sie umgebenden Mädchengruppe. Es knisterte nur so vor Erotik um sie herum, sie schillerte wie ein Paradiesvogel …
Warum auch immer die Jury so entschieden hatte, Stephen sah hier die wahre Königin vor sich.
Schon begannen die Ersten unter den Umstehenden zu klatschen, Rufe der Begeisterung wurden laut und alles wuchs an zu einem frenetischen Applaus.
Und nun geschah es!
Kurz bevor das Trio der Tänzerinnen Stephen und Brian passierte, löste sich der feuerrote Engel plötzlich aus der Gruppe heraus, tanzte geradewegs auf Stephen zu, fasste ihn an der Hand und zog ihn mit sich in den Zug der ekstatisch sich Drehenden hinein. Da blieb dem biederen Seemann aus Cornwall nichts anderes übrig, als den Versuch zu wagen, sich dem Rhythmus der Tanzenden anzupassen und dabei in eine Art von barockem Reigen zu fallen. Fast war es wie damals, als er das erste Mal mit Mercedes im „Moulin Rouge“ getanzt hatte. Die Menschen am Rande der Prozession lachten und begannen, ihm rhythmisch zuzuklatschen. Mercedes wirbelte ihn um sich herum, schnell und immer schneller und urplötzlich ließ sie seine Hände los. Vom Schwindel erfasst, sich um sich selbst drehend, wurde er geradewegs zurück zu den Zuschauern katapultiert.
Hier wäre er wohl unweigerlich zu Boden gegangen, hätte ihn die Menge nicht barmherzig aufgefangen.
Als er halbwegs seine sechs Sinne wieder beisammenhatte, hielt er Ausschau nach seinem Freund Brian, den er schließlich winkend und mit einem breiten Grinsen im Gesicht in der Menge entdeckte. Stephen schlängelte sich durch die Leute auf Brian zu, der ihm begeistert die Hand auf die Schulter schlug.
„Mensch, Stephen! Tolle Einlage!“, brüllte er über das Getöse der Steel-Band hinweg.
Da die drei Schönen nun vorübergezogen waren, drängelten sie sich durch die Zuschauer, um noch vor Mercedes an dem Ort zu sein, wo der Zug endete. Man hatte dafür den Platz gewählt, der weit über die Grenzen Trinidads hinweg bekannt war wegen seines ungewöhnlich riesenhaften Baumes in seiner Mitte.
Als sie dort eintrafen, schwenkte bereits die Spitze des Zuges in einem großen Bogen um die ausladende Krone dieses Baumes herum. Der Zug zog sich immer enger darunter zusammen. Dabei trennten sich die Steel-Bands von dem Festzug und bildeten, den Stamm im Rücken, ein großes Karree und der übrige Festzug formierte sich im Halbkreis um den Baum herum über den ganzen großen Platz und kam dort zum Stillstand. Ganz vorn hatte man, etwa wie bei den olympischen Spielen, ein Siegerpodest aufgebaut.
Tosender Applaus brandete auf, als jetzt die drei Queens unter dem Getöse aller vier Steel-Bands das Podest bestiegen, um ihre Pokale in Empfang zu nehmen.
Die drei Königinnen bekamen ihre Trophäen überreicht, huldvoll lächelten sie eine lange Weile der Riesenmenge der Zuschauer zu, bis die ohrenbetäubende Musik abrupt endete, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Die Musiker standen reglos, beide Arme mit den Schlegeln in den Händen kerzengerade emporgereckt. Wieder brandete ein begeisterter Applaus auf und ging in ein unbändiges Gejohle und Gelärme über, das nicht enden wollte. Die Steel-Bands zogen in geordneter Formation ab und die riesige Schar farbenprächtiger Mitglieder des Zuges löste sich auf und vermischte sich mit den Zuschauern.
Am Ende traten Gruppen von kräftigen Männern aus der Menge, die die drei Siegerinnen auf ihre Schultern hoben und im Triumph davontrugen. Unter den Männern, die geschultert mit Mercedes davonzogen, erkannte Stephen Angehörige des „Moulin Rouge Clubs“. Da beeilten er und Brian sich, sich mühsam durch die in alle Richtungen durcheinandereilenden Menschenmasse hindurchzudrängeln und sich der Gruppe anzuschließen, die mit Mercedes davonmarschierte. Sie wechselten sich beim Tragen ab, gingen durch die gesamte Innenstadt bis zum „Moulin Rouge“. Aber beim letzten Wechsel der Träger vor ihrem Ziel ließen es sich Stephen und Brian nicht nehmen, sich Mercedes nun selber auf ihre Schultern zu laden. Sie trugen sie die letzten fünfhundert Meter bis zum „Moulin Rouge“ und durch die weit geöffnete Flügeltür direkt bis auf die Tanzfläche, wo sie mit großem Hallo erwartet wurden.
Zur Musik der hauseigenen Combo und unter dem Applaus der Anwesenden trugen sie Mercedes einmal im Kreis durch den ganzen Saal, bevor sie sie absetzten.
Es folgte eine rauschende Ballnacht, die bis in die frühen Morgenstunden andauerte, so lange, bis am Ende Frauen und Männer vor Erschöpfung auf die Stühle sanken.
An dieser Stelle wäre Stephen wohl gut beraten gewesen, auf seinen Freund Brian zu hören und sich mit ihm an Bord zu begeben. Jedoch Mercedes, erschöpft, aber glücklich, berauscht von ihrem Erfolg, verschwand nur kurz auf ihrem Zimmer um die Kleidung zu wechseln, nahm Stephen bei der Hand und zog den sich nur mäßig Widerstrebenden mit sich.
[…]
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Ein Kommentar zu “„Leb wohl, meine Königin“ von Dierk Breimeier”