Vor der atemberaubenden Kulisse Madeiras kämpft eine junge Frau entgegen allen Widerständen um ihre Freiheit und ihre Liebe.
Bremen, 1914: Sofie arbeitet als Ärztin im dortigen Krankenhaus, leidet jedoch darunter, von den männlichen Kollegen nicht ernst genommen zu werden. Da hört sie, dass deutsche Investoren auf Madeira ein Krankenhaus eröffnen wollen und händeringend nach Ärzten suchen. Bei einem Treffen beeindruckt der Geschäftsmann Richard Hauenstein Sofie mit seinem Charme und schlägt ihr vor, beim Aufbau der Tuberkulose-Station dabei zu sein.
Auf Madeira angekommen muss sie jedoch feststellen, dass das Krankenhaus noch nicht fertiggestellt ist. Und auch weitere Ungereimtheiten lassen Sofie an ihrem Entschluss zweifeln. Doch dann taucht Richards jüngerer Bruder Ludwig auf, der Sofies Herz höherschlagen lässt. Richards Eifersucht ist geweckt. Sofie dämmert, dass sie nur eine Schachfigur im Spiel um die Macht auf Madeira ist. Und ausgerechnet ein Waisenjunge in einem Nonnenkloster gibt ihr den Schlüssel in die Hand, um sich aus einem Netz aus Geheimnissen und Intrigen zu befreien …
Einkaufen: Kindle | Taschenbuch – Kennenlernen: Tara Haigh
Leseprobe
Prolog
Madeira, 1881
Der Steinboden, den sie mit ihrer Stirn berührte, war kalt wie Eis. Obwohl ein Gewand aus dicht gewobener Baumwolle sie vor der Kälte in der Kapelle schützte, kroch der eisige Atem des Klosters unerbittlich in sie hinein. Sie fröstelte und begann, am ganzen Körper zu zittern, wie so oft in diesen Gemäuern. Da half es auch nichts, sich in Erinnerung zu rufen, dass dieser heilige Ort den Worten der Mutter Oberin nach mit innerer Wärme gesegnet sei, die das Licht Gottes verströme und man sie nur in sich hineinlassen müsse. Das Mauerwerk war in jedem Raum sogar an sonnigen Tagen so feucht und kühl, dass selbst der große Kamin im Speisesaal nicht gegen die nagende Kälte anzukämpfen vermochte. Auch nach einer heißen Suppe blieben die Finger während der Mahlzeit steif. Und das auf einer Insel, der man ewigen Frühling zusprach. Der stetige Wechsel aus Sonne und Regenschauern kam ihr vor, als ob sich der launenhafte April, wie sie ihn aus der alten Heimat kannte, in den Hügeln Funchals eingenistet hätte. Immerhin raste ihr Herz jetzt nicht mehr so wie zu Beginn der Initiierung, als sie sich vor dem Bischof und allen Nonnen, die hinter ihr auf den Bänken saßen, auf den Steinboden gelegt hatte – die Arme seitlich weit von sich gestreckt wie der Gekreuzigte, der über dem Altar thronte, um das Ordensgelübde in einer dem Akt gebührenden Pose abzulegen. Ihre wild umherkreisenden Gedanken waren dabei ebenfalls zur Ruhe gekommen. Weihrauch, den eine der Schwestern zu Beginn der heiligen Messe entzündet hatte, tat nun sein Übriges. Sein würziger Duft erfüllte mittlerweile den Raum. Er beruhigte und klärte zugleich die Sinne. Sollte man sie beim Ablegen der Profess nicht alle beisammenhaben? Die Worte des amtierenden Bischofs hatte sie zwar im Ohr, doch sie drangen nicht zu ihr, weil sie wusste, dass dieser Akt nichts weiter als eine notwendige Inszenierung war, um ihre Ziele zu verfolgen. In der Taufe sei sie aus dem Wasser und dem Heiligen Geist zu neuem Leben geboren und Gott geweiht worden. Es klang aus seinem frohlockenden Mund nach einem Geschenk, über das man sich freuen sollte. Der Herr hatte ihr aber zeitlebens Schmerz statt Freude oder gar inneren Frieden beschert.
Ob sie bereit sei, die Profess abzulegen, wollte er nun wissen. Sie bejahte seine Frage mit vor Kälte angeschlagener Stimme. Ob sie dazu entschlossen sei von heute an in gottgewollter Keuschheit, in Armut und Gehorsam zu leben, um der Gemeinschaft der Schwestern zu dienen, die evangelischen Räte auf sich zu nehmen und sie treu zu befolgen. Erneut bejahte sie die obligatorischen Fragen des Weiheversprechens. Angeblich wurde der Geist dann frei für neue Aufgaben, vor allem mittels Verzichts auf die körperliche Liebe. Wenigstens dies würde ihr leichtfallen. Gehorsam eher weniger, denn die Worte Gottes zu hören und von nun an als seine Braut ihm zu gehören, was die Begrifflichkeit des Wortes gehorsam rein theologisch betrachtet erklärte, kam aus zwei Gründen nicht infrage. Sie hörte ihn nicht und hatte sich bereits vor ihrer Abreise nach Madeira geschworen, künftig nur sich selbst zu gehören. Lieber tat sie so, Gott zu gehorchen und ihm zu dienen, als außerhalb dieser Mauern des Mannes Götzen zu sein, dessen Phallus ihn zu Sündhaftigkeit trieb und ihn und diejenigen, die er befleckte, aber auch die Früchte seiner Saat ins Unglück stürzte. Einer geistlichen Hirtin konnte er nichts anhaben. Das Gelübde verlieh zudem Macht, weil ihr gewöhnliche Menschen künftig Ehrfurcht erweisen mussten.
„Du wirst kraft deiner Stellung über sie herrschen, kannst dich und andere beschützen“, schien ihr in diesem Moment der Teufel ins Ohr zu flüstern, oder war es die Stimme des Herrn?
Ein Ruf nach Gerechtigkeit? Eine Mission oder gar ihre Berufung? Waren seine Wege nicht unergründlich?
„Der Allmächtige möge dir durch seine unermessliche Gnade die Kraft in Erfüllung deiner Profess geben.“
„Amen!“, sagte sie nur deshalb mit kräftiger Stimme, weil sie sich nun gewiss sein konnte, künftig eine der Schwestern zu sein.
Es war Zeit, sich zu erheben und das Gelübde von einer Schrift in ihren Händen abzulesen. Sie trug es vor wie ein Gedicht – verzückt, entrückt, glückselig. Sollten sie doch alle glauben, dass die neue Professin zur Heiligkeit berufen war, beflügelt vom Heiligen Geist. Das Noviziat lag nun hinter ihr. Abgewandt hatte sie sich von den Dingen der Welt, aber nicht von dem Wunsch nach einem Leben in Würde. Hatte es nicht geheißen, non es facilis tribuatur ingressus? Der Eintritt in dieses neue gottgeweihte Leben war nicht leicht. Das wusste sie. Sollte sie die Einladung zum Streben nach Heiligkeit vielleicht doch annehmen? Nach seelischem Reichtum eifern? Würden Weihrauch, Gehorsam und viele Gebete die bösen Geister vergangener Tage vertreiben? Hier im Paradies auf Erden gelang es sicher eher, der vom gefallenen Engel regierten Welt zu entkommen, sie aus geschützter Distanz zu beobachten, zu formen und zu lenken. Dazu bedurfte es aber noch eines letzten Akts. Ihr musste der schwarze Schleier übergeben werden, als Zeichen der bräutlichen Bindung an den Orden und die Kirche, auch ein neuer Habit, der sie hoffentlich genauso wärmen würde wie das weiße Novizinnengewand.
Als die Mutter Oberin ihr den Schleier anlegte, fühlte es sich an wie eine Krönung. Was für ein sündhafter und zugleich erquickender Gedanke, mit Fleiß und Eifer eines Tages Macht ausüben zu können wie eine Herrscherin. Wie sie das bewerkstelligen konnte, wusste sie. Die Königin des schwimmenden Gartens des Atlantiks. Sie ließ sich die symbolische Krone aus schwarzem Stoff mit einem siegessicheren Lächeln auf ihr Haupt legen.
[…]
Entdecke mehr von Buch-Sonar
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

