„Die letzte Lüge am Ende der Welt“ von Alvi M. Kearne

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Ein gefühlvoller Roman über menschliche Abgründe, Freundschaft und die Macht der Hoffnung

„Was ich will, ist nebensächlich. Ich bin nichts, Arvid. Zu unbedeutend für einen Nachnamen.“
„Du bist nicht unbedeutend. Nicht für mich.“


Die Vergangenheit hat Kjell schwer gezeichnet, und sein Dienstherr Toivo hat ihm unter Androhung des Todes verboten, sie je wieder zu erwähnen. Aus Angst um sein Leben schweigt Kjell und kümmert sich um die Erziehung von Toivos Sohn Arvid. Je älter dieser wird, desto heiklere Fragen stellt er: Warum ist Kjells Fenster zum Schutz vor Wildtieren vergittert, obwohl Arvid noch nicht einmal einem Fuchs begegnet ist? Warum blockiert ein Tor die Straße, wenn es dort draußen nichts anderes gibt als Wälder und Berge? Und warum hängt im gesamten Haus kein einziges Bild von Arvids verstorbener Mutter?

Während Kjell an Toivos Grausamkeit zu zerbrechen droht, entwickelt sich ein zartes Band zwischen Arvid und ihm. Kjell begreift: Ihr Schicksal ist untrennbar miteinander verbunden – und Liebe ein zweischneidiges Schwert.

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Leseprobe

Das Geräusch war kaum mehr als ein rhythmisches Klicken, tröstlich und vertraut, ein weit entferntes Flüstern aus einer anderen, ihm fremd gewordenen Zeit.
Er wünschte, er könnte in der Gedankenlosigkeit bleiben, die ihn wie eine weiche Wolke umhüllte, um sich eine Weile in deren Zuflucht auszuruhen. Zumindest, bis der Sturm vorübergezogen war. Aber nach und nach schwoll das Klicken zu ohrenbetäubendem Getöse an, verhakte sich mit spitzen Zähnen in seinen Gehörgängen und zerrte an ihm, bis es ihn anbrüllte: Ticktackticktackticktack!
Er grunzte widerwillig, zwängte die Lider auseinander. Seine Lesebrille lag als verschwommenes goldenes Objekt auf der sattbraun glänzenden Tischplatte vor ihm. Er klappte sie zusammen, steckte sie in die Brusttasche seiner Weste und stützte die schwere Stirn in die Hand. Ein tiefes Seufzen entwich seinem Mund.
Sein Blick blieb am Ziffernblatt der Pendeluhr hängen, die ihn so erbarmungslos aus dem Tiefschlaf gerissen hatte. Die Zeiger standen auf kurz nach acht Uhr und Tageslicht drängte durch die zugezogenen Gardinen.
Die Bilder in seinem Gedächtnis waren durcheinander und die Erinnerungen an den letzten Abend unvollständig, aber eines wusste er noch: Der Sturm war ihm vom Scheitel bis in die Fußsohlen gefahren, und hatte weiß Gott wie lang getobt und gewütet. Niemals zuvor hatte er einen solchen Zorn empfunden, nie war er von einer solchen Naturgewalt überrollt worden. Der fürchterliche Orkan hatte sich seines Körpers und Geistes bemächtigt, die einst wohlgewählten Worte in seinem Mund verdreht, sodass er sie als Flüche und Verwünschungen ausstieß, seine Hände zu Fäusten geballt und gegen seinen Willen geführt.
Dieses Gesicht! Jäh blitzte es aus seiner Erinnerung hervor und starrte ihn erneut voller Entsetzen aus dem Halbdunkel heraus an, makellos und so verhasst. Die ganze letzte Nacht über hatte er versucht, diesen Anblick mit Wodka von den Innenseiten seiner Lider zu waschen, aber so viel er auch getrunken hatte, das Gesicht drängte immer wieder in seine Gedanken zurück.
Wie von einer unsichtbaren Kraft getrieben, stemmte er sich mit beiden Fäusten an der Tischplatte hoch, zuckte gleich darauf zusammen und stierte mit offenem Mund auf seine Hände, berührte die Knöchel mit zittrigen Fingern.
Ein rechtschaffener Mensch und guter Bürger wie er sollte einem anderen etwas angetan haben? Nein. Völlig unmöglich.

[…]


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