»Rache vergeht, wenn Liebe entsteht«
Der letzte Eiswinter im Onyxwald hat viele Opfer unter den Waldbewohnern gefordert. Um eine neue Kältezeit zu verhindern, richten die Elfenschwestern Luana, Taria und Noe die Onyxnacht aus. Kurz vor den Feierlichkeiten werden ihnen die kraftspendenden Onyxsteine von einem Puka, einem Gestaltwandler des Nachbarwaldes, gestohlen. Was will ein Puka mit den Steinen? Was verheimlichen die anderen Waldwesen? Die Schwestern begeben sich auf die Suche. Bald müssen sie erkennen, dass es einen Feind in ihrem Wald gibt, der weit gefährlicher ist als der Puka – und den sie nie als solchen erkannt hätten.
Ein Blick in die Anderswelt – und warum sie vor unseren Augen verborgen ist.
Simone Gütte | Kindle | Tolino | Taschenbuch
Eine vergessene Begegnung
Luanas Lider flatterten, dann öffnete sie mit einem Schlag ihre Augen. Über ihr hingen die Zweige der Johannisbeersträucher, bestückt mit prallen, schwarzen Früchten. Sanft wehten die Blätter im Wind. Vereinzelte Sonnenstrahlen schimmerten durch das Astwerk, Vögel zwitscherten und irgendwo hämmerte ein Specht gegen einen hohlen Baumstamm.
Stöhnend griff sich die Elfe an den Kopf. Er dröhnte und ihr Körper fühlte sich an, als wäre er in Nesseln getaucht worden. Vorsichtig setzte sie sich auf und stemmte sich mühevoll auf die Beine.
Sie sah sich um. Vor ihr blubberte der Koboldweiher. Warum lag sie unter den Johannisbeersträuchern? Sie blinzelte mehrmals und schüttelte sich, als könne sie so ihrem Gedächtnis auf die Sprünge helfen. Wie aus einem Nebelschwaden tauchte die Gestalt der Koboldin Oona in ihren Erinnerungen auf, ein Mensch zeichnete sich ab und sie meinte, sogar ihre Dornenkönigin Coraxenia gesehen zu haben. Ein blonder Elf in rotgoldener Jagdkleidung, ausgerüstet mit Pfeil und Bogen, hatte sich ihr als Ahorn vorgestellt, der Königssohn aus dem Ahenwahra. Er hatte freundlich gewirkt, war hochgewachsen wie ein Löwenzahn und damit nicht viel größer als sie selbst.
Sie senkte den Blick und zuckte zusammen. An ihren Händen haftete Blut. Es war nicht mehr frisch, sondern hinterließ einen klebrigen Abdruck an ihren Handflächen. Ihre Arme schmerzten ein wenig, als hätte sie schwere Körbe getragen. Auch sonst entdeckte sie nur die üblichen Kratzer, die manchmal beim Beerenpflücken Spuren hinterließen.
Bin ich an den Zweigen hängengeblieben und abgestürzt?, grübelte sie. Oder hatte es etwas mit den Anwesenden zu tun? Wieso kann ich mich nicht erinnern?
Sie nieste heftig und geriet ins Taumeln. Verwundert wischte sie sich mit einem Blatt die Nase ab. Seit wann reagierte sie auf Johannisbeeren allergisch?
Das Brennen auf ihrem Körper ließ nach, aber ihr Kopf schmerzte noch immer. Luana straffte sich und flog hinüber zum Hillock, auf dem morgen um Mitternacht das Onyxfest stattfinden sollte.
Was bei allen heiligen Lindenbäumen war nur passiert?
***
Die Tautropfen auf den Grashalmen des Hillock funkelten wie Bergkristalle in der aufgehenden Sonne. Auf der Wiese lag das erste Herbstlaub, noch leicht wie frisch gefallener Schnee, und schimmerte grüngolden.
Taria pustete in ihre kalten Hände und rieb sie kräftig, während sie ihre Schwestern beobachtete, die Kiesel am Wiesenrand aufsammelten und sich mit ihrer Last in die Lüfte erhoben. Sie ließen ihre Flügel surren, sodass sie mit ihren farbigen Blütenkleidern aussahen wie kleine, bunte Hummeln, die Blumen bestäuben wollten. Im Gegensatz zu den beiden konnte Taria nicht mit einem Paar filigraner Elfenflügel abheben.
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