„Humboldt und der weiße Tod“ von Jana Thiem

Endlich Feiertag! Kriminalhauptkommissar Humboldt freut sich darauf, am Tag der Deutschen Einheit in der Sächsischen Schweiz klettern zu gehen. Weit kommt er allerdings nicht, denn eine Tote am Elbufer in der Nähe des Blauen Wunders macht seine Pläne zunichte. Wenig später werden zwei Frauen als vermisst gemeldet.
Je tiefer Humboldt in den Fall einsteigt, umso klarer wird ihm, dass sich der Mörder seine Opfer ganz gezielt ausgesucht hat. Und dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt. Notgedrungen geht er einem Tipp der lästigen Boulevard-Journalistin Christin Weißenburg nach, die ihm durch ihre eigenwillige Recherche wieder einmal einen Schritt voraus zu sein scheint. Doch dann verschwindet die nächste junge Frau und das Motiv des Entführers wird für Humboldt immer rätselhafter …

Jana Thiem | Kindle | Tolino

Was hätte es doch für ein schöner Feiertag werden können. Wäre da nicht diese Frau. Tot. Von der Elbe an Land gespült. Seufzend schaute Kriminalhauptkommissar Humboldt von der Leiche auf. Irgendetwas irritierte ihn. Er trat einen Schritt zurück, heraus aus dem Morast am Elbufer. Sein Blick glitt über das Elbwasser flussaufwärts. Wo kam diese Frau her? Oberflächlich gab es keinen Hinweis. War sie hier in den Büschen direkt neben dem Anleger der DLRG nur hängen geblieben und weiter oben in die Elbe gestürzt? Und warum glaubte er, dass sie nicht gestoßen wurde? Humboldt sah zum gegenüberliegenden Ufer und dann weiter die Elbe entlang. Am Blauen Wunder blieb er hängen. Im Wirrwarr der Streben der Loschwitzer Brücke verhedderten sich seine Gedanken.
»Die lag nicht lange im Wasser.« Die Stimme von Gerichtsmediziner Dr. Lorenz Richter holte ihn in die Wirklichkeit zurück. »Nach bisherigen Erkenntnissen ist sie aber auch nicht hier gestorben.«
Humboldt schaute Richter an. Die dunkle, eckige Brille passte hervorragend zu seinem kantigen Charakter, dachte er und stimmte sich innerlich auf Richters regelmäßiges Frage-Antwort-Spiel ein.
»Gestorben?«, hakte Humboldt nach. »Also gibt es doch eine natürliche Todesursache?«
»Nicht so voreilig. Dazu muss ich die junge Dame natürlich etwas gründlicher unter die Lupe nehmen.« Richter zog Humboldt dichter an die Leiche heran. »Jetzt schau sie dir doch einmal ganz genau an. Fällt dir nichts auf?«
Humboldt hasste dieses Rätselraten, und Richter genoss es jedes Mal aufs Neue. Humboldt ging in die Hocke, um sich die Tote noch näher zu betrachten. Immer wieder wunderte er sich, dass ihm der typische Würgereiz, mit dem manche seiner Kollegen zu kämpfen hatten, erspart blieb. »Hm, sie war wohl mal eine sehr hübsche Frau. Und nun ist sie … ertrunken?«
Richter räusperte sich kurz, was Humboldt aufsehen ließ. »Jedenfalls konntest du auf den ersten Blick keine äußeren Gewalteinflüsse feststellen. Also kann sie doch einfach ins Wasser …«, Humboldt stockte. Erneut verwirrte ihn der Anblick der jungen Frau. Wasserleiche? Hätte er sie heute Morgen am Straßenrand oder im Großen Garten gefunden, er wäre niemals auf Tod durch Ertrinken gekommen. Ganz im Gegenteil. Ihre Wangen waren eingefallen, und die Schlüsselbeine traten durch den dünnen Stoff ihrer Bluse stark hervor. Der Verwesungsprozess war zwar schon fortgeschritten, aber die typischen Merkmale einer Wasserleiche fehlten. Sie sah weder aufgedunsen aus noch hatte sich eine Waschhaut gebildet. Also das war es. »Tja, ich würde sagen, sie sieht eher aus, als wäre sie verhungert. Kann es denn sein, dass sie hier nur abgelegt wurde?«
Richter zuckte nachdenklich die Schultern. Da Humboldt die Rätselprüfung bestanden hatte, wandte sich Richter wieder leise murmelnd der Leiche zu. Wer es jetzt wagte, ihn anzusprechen, stand selbst kurz davor, auf seinem Seziertisch zu landen.
Beim Einsatzwagen, der ein Stück weiter auf dem Radweg stand, entdeckte Humboldt seine Kollegen Marc Vierhaus und Lara König. Er hätte sie gar nicht sehen müssen, so unüberhörbar rasselten sie wieder einmal verbal aneinander. Seitdem bekannt war, dass die nächste Leistungsbeurteilung anstand, lagen die beiden in ständigem Wettstreit um die Beförderung zum Polizeikommissar.
Humboldt hielt kurz inne und überlegte, ob er sich zuerst den Fundort näher anschauen sollte. Zu spät.
Mit langen Schritten legte Lara König den kurzen Weg bis zum Flussufer über die immer noch saftig grüne, abschüssige Wiese zurück. »Dieser ach so schlaue Möchtegernkommissar hat den Zeugen Schubert gehen lassen.«
»Ich habe doch sämtliche Daten und seine Aussage zu Protokoll genommen. Und ich weiß, wo er hin wollte«, verteidigte sich Marc Vierhaus schon von Weitem.
»Und wenn er gelogen hat?« Lara König schoss die Worte in seine Richtung ab. Mit einem spöttischen Lächeln drehte sie sich wieder Humboldt zu.
Seufzend dachte dieser an die Klettertour, die er heute eigentlich mit seinem Freund Toni in der Sächsischen Schweiz hatte machen wollen. Es sollte ein schöner Abschluss einer kurzen Klettersaison werden. Humboldt mochte die Winterkletterei nicht. Den Ehrgeiz, der erste Gipfelstürmer an Neujahr zu sein, besaß er nicht. Bevor er sich Silvester auf einen eisigen Felsen hockte und darauf wartete, sich mit steif gefrorenen Fingern in das Gipfelbuch einzutragen, genoss er lieber mit Freunden einen guten Rotwein. Gestern hatten sie noch beratschlagt, auf welchen Felsen sie heute gehen würden. Toni wollte endlich einen Weg mit der Schwierigkeit VIII vorsteigen. Aber Humboldt hatte eher Lust auf einen schönen Weg. Der Schusterweg am Falkenstein war zwar ein Weg mit mehreren Seillängen und daher eine ganz schöne Schinderei, aber man wurde mit einem Wahnsinnsblick belohnt. Außerdem brachte es Glück, wenn man an die Nase eines gewissen Herrn Schuster, dessen Gesicht als Relief in den Felsen gehauen worden war, fasste und ihn freundlich grüßte. Wehmütig blickte Humboldt kurz in den blauen Himmel. »Okay. Wer ist Zeuge Schubert? Und wo ist er jetzt?«

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