„Wenn Apfelbäume tanzen könnten“ von Lisa Torberg

Ein Roman über unglaubliche Zufälle, den langen Atem der Liebe und die Buntheit des Lebens.

Seitdem Bertl Kofler begriffen hat, dass seine Freundin aus Kinderzeiten nicht seine große Liebe ist, lebt er für seinen Bauernhof. Sein einziger Mitbewohner ist Zeus, sein Schäferhundmischling. Doch immer wieder holt ihn die Erinnerung an die Lehrerin aus dem Pustertal ein, die vor zwei Jahren kurz in Mela unterrichtete. Aber nicht nur er denkt oft an die junge Frau – auch jemand auf dem nahen Apfelhof tut es …

Sabine Holzer leitet seit dem Unfalltod ihrer Eltern das Familienunternehmen im Pustertal. Nicht einmal sich selbst gesteht sie ein, wie sehr ihr das Unterrichten fehlt – und das beschauliche Mela mit seinen Apfelwiesen. Ihr Leben ist geprägt von Pflichtbewusstsein und ihrer Liebe für ihren Großvater Johann. Dennoch spukt ein gewisser Bertl Kofler ständig in ihrem Kopf herum …

Lisa Torberg | Kindle | Tolino | Taschenbuch

Toblach, Pustertal 
»Entspann dich, Nonno!« Sabine Holzer legte eine Hand auf den Rücken ihres Großvaters und schubste ihn vorwärts.
Er reagierte eigenartig. Zum einen antwortete er nicht, zum anderen ließ er sich von ihr in den Gustav-Mahler-Saal schieben wie eine Fetzenpuppe. Überhaupt. Seitdem er das Plakat entdeckt hatte, das vor drei Wochen überall in Toblach aufgehängt worden war, benahm er sich komisch. Zuerst hatte er von ihr wissen wollen, was denn Public Viewing bedeutete. Die latent vorhandene Lehrerin in ihr hatte innerlich den Kopf geschüttelt, aber nicht der Frage wegen, sondern weil sie nicht begriff, weshalb man hier bei ihnen einen englischen Ausdruck verwendete, den eh kaum einer verstand. Im Hochpustertal waren sie zwar nicht am Ende der Welt – aber so gut wie, und von den dreitausenddreihundert und ein paar Zerquetschten Einwohnern im Dorf waren viele schon froh, wenn sie auch die andere Landessprache ein bisserl reden konnten. Ihr Großvater sprach beide perfekt, immerhin hatte er ja eine Frau mit italienischer Muttersprache geheiratet – vor mehr als sechzig Jahren. Doch Englisch hatte er nie gelernt. Wozu denn auch? Holzer-Holz exportierte zwar seit Jahrzehnten über die Grenze hinweg, aber die nach Österreich war ja nur fünfzehn Kilometer weit weg und dort sprach man genauso deutsch wie auf dieser Seite. Sabine hatte ihm also erklärt, dass man im Kulturzentrum den Film Apfelblüten im Regen gratis anschauen konnte. »Da gehst mit mir hin, Sabinchen«, hatte er gesagt – und den Rest ihr überlassen.
Sie hatte auf der Gemeinde die Karten besorgt, obwohl sie alles dafür gegeben hätte, heute nicht hier zu sein. Doch wie hätte sie das dem Großvater erklären sollen? Er war zweiundneunzig und derart gut beisammen, dass er fast immer ablehnte, wenn ihm jemand helfen oder etwas mit ihm unternehmen wollte. Sogar den Führerschein hatte ihm der Amtsarzt erst vor ein paar Wochen wieder erneuert – wie alle zwei Jahre, seitdem er achtzig war –, und so fuhr er weiterhin mit seinem Mercedes-Benz Baujahr 1987, den er seit der Zulassung vor vierunddreißig Jahren nur SL nannte. Zwar nicht allzu weit, aber seine wenigen noch lebenden Freunde und ein paar Kunden in den umliegenden Gemeinden besuchte er regelmäßig – so wie früher. Alte Gewohnheiten legt man eben nicht so leicht ab, würde die Nonna jetzt sicher sagen und seinem geliebten Auto hinterherschauen, bis die Rücklichter an der Kurve zum letzten Mal aufleuchteten, bevor er verschwand. Stunden später würde sie wieder am Küchenfenster stehen und auf die Rückkehr ihres Mannes warten, wie sie es ihr ganzes gemeinsames Leben lang bis zu ihrem Tod gemacht hatte.
Johann Holzer war ein unabhängiger Freigeist, einer, der sich von niemandem jemals hatte irgendwas sagen lassen, und das hatte sich bis heute nicht geändert. Wenn der Nonno sie also schon einmal von sich aus um etwas bat, dann konnte Sabine es ihm nicht ausschlagen.
Nur hatte sie seit Tagen wegen des heutigen Abends ein mulmiges Gefühl im Bauch, das jetzt zunahm. Während man ihnen von allen Seiten zunickte oder einen Gruß zurief, behielt sie die Hand auf Großvaters Rücken und vergrub ihre Finger in dem Stoff seiner Jacke. Nicht um seinetwillen, sondern weil der Kontakt ihr Sicherheit gab.
»Na, das ist aber eine Freude, dass du dich einmal bei einer Kulturveranstaltung blicken lasst, Johann Holzer.« Der Bürgermeister kam mit zum Gruß ausgestreckten Arm auf den Großvater zu.
»Geh, jetzt tua net so überrascht, Bürgermeister. Hast ja gwusst, dass die Sabine die Karten für uns vom Gemeindeamt abgeholt hat.«
»Die andere hätt ja auch für ihren Freund sein können«, erwiderte Luis Walder mit einem Lacher und zwinkerte ihr zu. Dabei wirkte er paradoxerweise selbstsicher und zugleich unsicher, vor allem aber erreichte das aufgesetzte Lächeln seine Augen nicht.
Sabine mochte ihn nicht. Nicht mehr. Früher, als sie Kinder waren, war das anders. Der zwei Jahre ältere Bub hatte sie nie von oben herab behandelt und sogar mit ihr gespielt, obwohl sie ein Mädel war. Später hatte der Luis dann alles darangesetzt, wichtig zu werden. Im Schützenverein, beim Dartspielen in der Gastwirtschaft und in der Politik. Kein Wunder, dass er im letzten Jahr mit nur zweiunddreißig zum Bürgermeister gewählt worden war – auch von ihr.

Blick ins Buch (Leseprobe)


Entdecke mehr von Buch-Sonar

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Hinterlasse einen Kommentar